HUDE - Ein Beamer wirft die Werderraute an eine weiße Wand im Kulturhof. In der Runde sitzen Fußballfans, der vorherrschende Gesichtsausdruck: bittersüß. Die Männer sind frustriert, weil Werder Bremen am Wochenende 0:3 gegen Mainz verloren hatte. Und davor: ein Unentschieden gegen den FC Augsburg und ein verlorenes Spiel gegen Borussia Dortmund – wenigstens nur mit 0:1.
Aber die Fans freuen sich, weil es jetzt an der Zeit ist, darüber zu reden. Und es wird höchste Zeit. Reden kann ja manchmal so gut tun. Einmal in der Woche, immer montags um 19 Uhr, treffen sich Werder-Fans aus Hude zum Stammtisch. Erst seit zwei Wochen finden die Fußballfreunde im Kulturhof zusammen. Es gibt keine festen Teilnehmer – jeder kann spontan dazu kommen. Oft liegt die Altersspanne der Fußballfreunde zwischen 14 und 60 Jahren und genau das macht die Diskussionen interessant.
Statistiken und Tabelle
Initiator des Stammtisches ist Artur Wiaderek. Der 28-Jährige ist Jugendpfleger und betreut den offenen Bereich im Kulturhof. Und er ist natürlich Fan der Grün-Weißen. „Hier ist eindeutig noch Werder-Land“, sagt Wiaderek und sieht sich bestätigt: Schon beim ersten Stammtisch waren fast zehn Teilnehmer dabei. Davon, dass Werder derzeit nicht die erfolgsverwöhnteste Mannschaft ist, lassen sich die Huder natürlich nicht abschrecken. „Einmal Bremer, immer Bremer“, sagt der 18-jährige Patrick Kolbe.
Als Antwort kommt von Artur Wiaderek: „Genau, ein Phrasenschwein brauchen wir auch noch. Hier ist alles wie beim Doppelpass, nur Bier gibt es nicht.“
Was die derzeitige Verfassung der Grün-Weißen in der Bundesliga angeht, meint Wiaderek: „Schlechte Ergebnisse sind zumindest eine gute Vorlage für Diskussionen.“
Zu neunt sitzen sie heute in der Runde und werden sich gleich – auf der Leinwand – Ausschnitte aus dem vergangenen Spiel anschauen. Sie wollen sich noch einmal ansehen, wie es möglich sein war, dass Werder das Spiel gegen Mainz so hoch verlieren konnte, wo doch die Ballbesitz-Statistik der ersten Halbzeit ein Verhältnis von 80 zu 20 Prozent anzeigte – und zwar zugunsten der Bremer. Statistiken, Kommentare, Wiederholungen, Spielberichte und natürlich die Tabelle – Material für die Stammtischrunde gibt es genug.
Bevor es losgeht, dreht sich das Gespräch noch um Claudio Pizarro. Wird er gehen, wird er bleiben? Das komme darauf an, ob er Fußballspielen wolle, oder Geld verdienen, meint einer der Fans. Patrick findet, er sei die Spitze im Werder-Sturm, deswegen sei es schade, wenn die Mannschaft auf ihn verzichten müsste. „Das Problem ist: die Spieler müssen sich mit ihrem Verein identifizieren. Und das fehlt da einfach“, findet der 60-jährige Otmar Orth.
Fahrt ins Stadion
Artur Wiaderek stimmt zu: „Ich will keine Spieler, die jetzt in so einer Situation anfangen, zu diskutieren. Es sollen die spielen, die auch spielen wollen. Diese satten Spieler sind nicht gut für die Mannschaft. Dann können besser junge Nachwuchsspieler auf den Platz gehen, die zwar noch nicht so erfahren, dafür aber motiviert sind.“ Dass junge Spieler wie Marko Arnautovi?c „nichts reißen“, wie Patrick Kolbe formuliert, regt die Fans aber auch auf. Der 17-jährige Lucas Schreiber findet, dass Trainer Thomas Schaaf ohnehin immer nur „seine Lieblinge“ einsetze.
Einig sind sich die Fans vor allem bei der Frage, ob Werder auf Dauer in der ersten Liga bleibt. „Ein Abstieg ist sehr unwahrscheinlich“, meint Lucas Schreiber. „Das wird dem Wunder von der Weser nicht passieren.“
Gesprächsstoff bietet der Fußball genug, doch beim Stammtisch allein soll es nicht bleiben, kündigt Wiaderek an. Er könne sich vorstellen, Ausflüge ins Stadion oder zu freien Trainings zu machen oder sich Spiele gemeinsam anzusehen, sagt Wiaderek. Und er will nicht ausschließen, dass der Stammtisch irgendwann mal ein echter Fanclub wird. Am Ostermontag fällt das Treffen allerdings aus.
