Ganderkesee - Im Bauch kribbelt’s, die Muskeln spannen sich an, das Herz klopft bis zum Hals – jetzt gilt’s. Wer einmal wie meine Trainingskollegin Anna-Lena Scholz vor ihrem finalen Versuch bei der Deutschen Meisterschaft 2015 im Doppel-Mini-Trampolin-Turnen in Lingen vor einer entscheidenden sportlichen Herausforderung stand, kennt diese Gefühle ganz genau.

„Vor einem Sprung bin ich immer ziemlich aufgeregt“, verrät Anna-Lena, die für den TSV Ganderkesee startet und mit dem Doppel-Mini-Tramp-Turnen angefangen hat, als sie acht Jahre alt war. Damals wurde sie von ihren beiden älteren Schwestern mit zum Training auf dem großen Trampolin genommen und begeisterte sich mit der Zeit mehr und mehr für das kleinere Gerät.

„Ich finde es beim Doppel-Mini-Tramp-Turnen so toll, dass man nicht zehn Sprünge hintereinander machen muss wie beim Großgerät, sondern immer nur zwei“, erzählt Anna-Lena, die heute als 16-Jährige zu den Stammgästen bei großen Titelkämpfen zählt, aber wie alle natürlich klein angefangen hat. 2010 sprang sie erstmals bei einer Kreismeisterschaft auf den höchsten Podestplatz.

Das Doppel-Minitramp-Turnen ist seit 1974 eine Wettkampfdisziplin und wird national sowie international bis hin zur Weltmeisterschaft ausgetragen. Hinter diesem komplizierten Namen verbirgt sich nichts weiter als ein kleines Trampolin mit einer schrägen und einer geraden Fläche. Dahinter befindet sich eine Landungszone aus Weichbodenmatten mit drei farbigen Zonen, die bei der Bewertung eine Rolle spielen (siehe Info-Box).

Zwischen schräger und gerader Fläche befindet sich die sogenannte „Rote Zone“. Sie wurde zur Vorbeugung von Verletzungen (Durchschlaggefahr) eingeführt. Diese darf der Sportler während des Wechsels vom Einsprung auf die gerade Fläche mit den Füßen nicht komplett berühren. „Anfangs war das gar nicht so leicht, aber jetzt ist es eigentlich kein Problem mehr“, erklärt Anna-Lena.

Ein Wettkampf im Doppel-Minitramp-Turnen besteht für jeden Teilnehmer aus maximal vier Durchgängen, zwei im Vorkampf und zwei im Finale, wenn man sich dafür qualifiziert hat. Im Laufe des Wettbewerbs darf sich bei den Teilnehmern keine Sprungkombination wiederholen. Bauch-, Sitz- und Rückenlandungen sind verboten.

In der Theorie sieht ein Durchgang von Anna-Lena und ihren Rivalinnen so aus: Nach etwa 20 Metern Anlauf springt sie auf die schräge Fläche des Trampolins, macht von dort aus ein Übungsteil auf die gerade Fläche und ein zweites Element auf die Weichbodenmatte. Eine zweite Möglichkeit ist, dass sie auf die schräge Fläche und von da aus mit einem Strecksprung auf den geraden Teil springt. Dort turnt sie ein Übungsteil auf der Stelle („Spotter“ genannt), um danach mit dem zweiten Sprungelement auf der Matte zu landen.

Die beiden ersten Durchgänge bei der DM 2015 liefen für Anna-Lena gut. Sie lieferte im Wettkampf der Jahrgänge 2000/2001eine solide Leistung ab, zeigte noch nicht die schwierigsten Sprungkombinationen und erreichte mit 59,90 Punkten als Fünftplatzierte souverän die beiden finalen Durchgänge der besten acht Teilnehmerinnen.

Beim Doppel-Mini-Tramp-Turnen ist es erst einmal wichtig, möglichst wenig Abzüge von der Höchstpunktzahl 10 zu bekommen. Diese ergeben sich auf den Zetteln der fünf Kampfrichter durch Mängel bei der Ausführung der beiden Sprünge und Fehler bei der Landung. Das Ergebnis ist die Haltungsnote (siehe Info-Box). Bei ähnlichen Haltungsnoten spielt die Schwierigkeit der Sprünge eine entscheidende Rolle. In der Weltspitze werden teilweise sogar zwei dreifache Salti in einem Durchgang gezeigt.

Für ihre beiden Durchgänge im DM-Finale erhielt Anna-Lena zwar minimal schlechtere Haltungsnoten als im Vorkampf, sicherte sich aber aufgrund der deutlich erhöhten Schwierigkeitsgrade mit 61,50 Punkten vor ihrer zweitplatzierten Vereinskollegin Fotini Lizeka (60,50) und Hannah Edinger (MTV Bad Kreuznach, 59,80) Platz eins.

Ihr finaler Versuch bestand aus einem Barani als Aufgang (Salto vorwärts mit halber Schraube) und einem doppelten Salto rückwärts als Abgang. Kurz nach dem Wettkampf setzte sie noch einen drauf und wechselte einen ihrer vier Durchgänge gegen eine Kombination aus einem Salto rückwärts und einem Fliffis (Doppelsalto vorwärts mit halber Schraube) aus.

Dass es so viele unterschiedliche Sprungvariationen gibt, macht das Doppel-Mini-Tramp-Turnen wahrscheinlich so attraktiv. Die Sportart ist aber sehr anspruchsvoll und nichts für unerfahrene Anfänger. „Das Schwierigste sind der Auf- und Abgang. Bekommt man den Aufgang nicht perfekt hin, wird der nächste Sprung zum Abgang schwerer. Da muss man nämlich aufpassen, dass man nicht zu schnell ist“, erklärt Anna-Lena.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass beide Sprünge direkt nacheinander ausgeführt werden müssen, ein Zwischensprung wäre ein Regelverstoß. Zudem ist die zu treffende Fläche sehr klein: Das schräge Element ist etwa ein Quadratmeter groß, der gerade Teil etwas länger.

Dreimal wöchentlich trainiert Anna-Lena am Landesstützpunkt Ganderkesee. Probleme in der Schule hat sie deshalb nicht: „Natürlich ist es manchmal stressig, aber eigentlich schaffe ich das immer.“ Für die Zukunft hofft sie, „dass ich den Sport noch lange machen kann, auf dem großen wie dem kleinen Trampolin – und ich hoffe, dass ich noch lange mit den Leuten befreundet sein kann, die ich durch das Trampolinturnen kennengelernt habe.“

Der Erfolg soll natürlich auch nicht ausbleiben, denn das seien ja immer „die schönsten Momente“. 2016 wurde sie Landesmeisterin ihrer Altersgruppe, doch besonders im Gedächtnis ist ihr natürlich der Triumph bei der DM 2015 geblieben.

„Nach dem finalen Durchgang in Lingen war ich total aufgeregt“, blickt Anna-Lena zurück. Da sie ja Fünfte des Vorkampfs war, kamen nach ihr noch ein paar Turnerinnen. „Also stand ich die ganze Zeit vor der Anzeigetafel und konnte nur hoffen, dass sich das Ergebnis nicht mehr ändert.“ Als die Wartezeit, die ihr besonders nach dem letzten Durchgang der letzten Sportlerin „ewig“ vorgekommen sei, vorbei war, „wurde ich von Glücksgefühlen überschüttet“.