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INTERVIEW „Ich habe meine Zweifel an der Sauberkeit“

Von Olaf Ulbrich

Frage:

Herr Treutlein, in Vancouver gab es noch keinen Dopingfall. Sind die Winterspiele tatsächlich sauber?

Treutlein:

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ist eine Verunsicherung eingetreten. Diese kann sogar nachgewiesen werden. Hierfür spricht, dass viele Ausdauerathleten in Vancouver im Ziel in einer Art und Weise erschöpft sind, die es vor wenigen Monaten noch nicht zu sehen gab. Oder: Es gibt immer noch genügend Mittel, die im Moment nicht nachgewiesen werden können. Ich habe meine Zweifel an der Sauberkeit, was nicht heißen soll, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer gedopt sind.

Frage:

Reichen die 2000 Tests bei Olympia aus?

Treutlein:

Nicht die Anzahl der Tests ist entscheidend, sondern wann sie durchgeführt werden. Wenn zum Beispiel Anabolika nach langer Einnahme rechtzeitig abgesetzt werden, sind sie noch lange Zeit leistungssteigernd, ohne dass etwas nachgewiesen werden kann. Zudem ist entscheidend, wann und wie unangekündigte Kontrollen außerhalb des Wettkampfs durchgeführt werden. Gäbe es mehr solche Tests, dann bräuchte man bei Olympia sogar weniger.

Frage:

Die Täter sind also immer einen Schritt voraus?

Treutlein:

So generell kann man das nicht sagen. Es gibt gute und schlechte Kontrollsysteme, gute und schlechte Kontrolleure. Eigentlich müsste eine Kontrolle der Kontrollsysteme und Kontrolleure erfolgen. Der Abstand zu den Tätern könnte geringer sein, wenn überall der gleiche Wille bestehen würde.

Frage:

Ist ein Sportler kriminell, der im Vorfeld dopt und rechtzeitig die Mittel absetzt, um nicht erwischt zu werden?

Treutlein:

Doping fängt lange vor dem eigentlichen Dopen an, nämlich bei der Entwicklung einer Dopingmentalität. Erlaubt ist, was nicht nachgewiesen werden kann. Das Herandopen ist deshalb eine solche Möglichkeit des Betrugs und wird von Dopern nicht als Doping angesehen.

Frage:

Rechnen Sie damit, dass bei Nachtests Dopingfälle aufgedeckt werden?

Treutlein:

Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber es könnte sein. Entscheidend ist auch da wieder, dass es keine wirklich unabhängige Institution gibt, die über das Durchführen von Nachtests entscheidet. Die einzige Chance auf Nachhaltigkeit ist die Prävention. Jugendliche müssen früh zum Reflektieren angehalten werden, damit sie nicht in Versuchung geraten.
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