2019 ließ Jens Nerkamp als bester Deutscher beim Berlin-Marathon mit einer Zeit unter 2:15 Stunden aufhorchen. Doch dann durchkreuzten Verletzungen und die Pandemie seine Pläne. Im Interview spricht er über seinen langen, erfolglosen Kampf zurück, finanzielle Nöte und die Verschiebung von Prioritäten.

Herr Nerkamp, Sie haben ihre Leistungssport-Karriere beendet. Wann haben Sie das entschieden?

NerkampFür mich persönlich habe ich das letzten Sommer entschieden. Der Weg zu dieser Entscheidung hat aber gedauert.

Einer seiner größten Erfolge: Jens Nerkamp startete 2016 für Deutschland bei der Leichtathletik-EM.

LEICHTATHLET AUS GARREL Langstreckenläufer Jens Nerkamp beendet lange Laufbahn

Steffen Szepanski
Garrel

Sie haben 2018 den Oldenburg Marathon in Streckenrekordzeit gewonnen und sind 2019 in Berlin in 2:14:54 Stunden ihre Bestzeit gelaufen. Danach hat man nicht mehr so richtig viel von Ihnen gehört. Was ist in den vier Jahren passiert?

NerkampIch habe 2020 mit zwei Trainingslagern in Portugal noch einmal versucht, etwas mehr herauszuholen und bin im Februar noch einen guten Halbmarathon in Barcelona gelaufen. Da hatte ich schon länger Schmerzen im Fuß, die sich später als Ermüdungsbruch im Kahnbein herausgestellt haben. Das ist aber nur aufgefallen, weil ich eine Blockade in der Hüfte hatte und damit zum Arzt gegangen bin. Bei den Fußschmerzen hatte ich mir nichts gedacht, das waren welche, die man kennt, wenn man 13 mal die Woche trainiert. Da ignoriert man auch mal was. Ja, und dann war ich zehn Wochen auf Krücken unterwegs. Das entschleunigt mal ganz schön und man fängt an, zu rekapitulieren…

Aber da kam noch nicht der Gedanke ans Aufhören?

NerkampNein. Ich wusste einfach, die 2:14 sind noch nicht das Ende der Fahnenstange. Da war definitiv mehr Potenzial. Und ich bin kurz vor den Hüftproblemen den ersten Wettkampf mit den neuartigen Carbonschuhen gelaufen, nur 10 Kilometer, aber mir war klar: Das bringt einiges. Ich habe mir eine 2:12 im Marathon absolut zugetraut.

Felix Ebel – hier auf einem älteren Bild – musste in Dortmund Führungsarbeit leisten.

IM HYBRID-MODUS Felix Ebel aus Emden löst selbst als Pacemaker das DM-Ticket

Lars Möller
Dortmund
Die Schnellsten im Ziel: Jesse Hinrichs (Mitte) gewann vor Jan Knutzen (rechts) und Andreas Bröring.

SANDKRUGER SCHLEIFE Jesse Hinrichs siegt, Jan Knutzen behält Rekord

Tamino Büttner
Sandkrug

Aber an Ihre Bestform sind Sie nicht wieder herangekommen?

NerkampIch habe es immer wieder versucht, und ich bin auch noch gut in Fahrt gekommen. Ich hatte aber immer wieder kleine Rückschläge, die mich ausgebremst haben, Achillessehnenprobleme, Muskelverhärtungen in der Wade. Dazu fanden in der Corona-Pandemie erst kaum Wettkämpfe statt, da sind dann Antritts- und Preisgelder weggefallen und mein Sponsor ist abgesprungen. Ich war ja Student und habe gemerkt: Ich muss auch finanziell sehen, wo ich bleibe. Da bin ich ehrlich gesagt auch mental in ein tiefes Loch gefallen.

Das glaube ich. Bis dahin waren Sie also Lauf-Profi?

NerkampIch würde das schon sagen, ja. Ich habe mein gesamtes Leben auf den Sport ausgerichtet. Das Studium war nebenbei. Ich hatte nie viel Geld, aber es hat gereicht. Meine Eltern haben mich sehr lange unterstützt, wofür ich sehr dankbar bin. Und ich konnte immer so viel Geld mit Laufen verdienen, dass ich es refinanzieren konnte. Ich bin fast nur Rennen gelaufen, wo ich Antrittsgeld oder Prämien bekommen habe – oder welche, die mir sehr am Herzen lagen, wie in Oldenburg. Aber ich war nie in Kenia, St. Moritz oder Flagstaff zum Trainingslager, sondern in Portugal, wo es günstiger ist. Ich musste immer schauen, wie ich die Miete bezahle und an Laufschuhe komme.

Und wie ging es dann weiter?

NerkampIch habe angefangen, beim Marathonbüro Kassel in Vollzeit zu arbeiten, und nebenbei habe ich versucht, wieder Form aufzubauen. Aber im vorigen Sommer habe ich entschieden, dass sich Leistungssport nicht mehr lohnt.

Was gab den Ausschlag?

Nerkamp Ich müsste, um konkurrenzfähig zu sein, 2:10 Stunden laufen. Dafür müsste ich meinen Körper da hinbekommen, dass er dauerhaft viel Training verträgt, ohne dass schnell Verletzungen aufkommen. Das ist aber nicht nur eine Frage des Trainings, sondern auch finanziell, weil ich die medizinische Betreuung und die Physiotherapeuten inzwischen bezahlen müsste. Das ist ohne großen Sponsor nicht möglich.

Bedeutet das nun einen großen Einschnitt für Sie?

NerkampNein. Erstens hat sich mein Fokus über die Zeit eben auf andere Dinge verschoben, den Job beim Marathonbüro, dazu engagiere ich mich beim Laufteam Kassel und habe mich als Kampfrichter ausbilden lassen. Zweitens höre ich mit dem Laufen auch nicht auf, das kann ich auch gar nicht.

Vom Profi zum Freizeitläufer also?

NerkampNicht ganz. (lacht) Ich laufe sicher auch noch Wettkämpfe, nur nicht mehr mit der höchsten Priorität. Ich gehe nicht mehr um 4 Uhr morgens laufen, um das Training noch in einen vollen Tag zu bekommen. Früher habe ich mein Leben ums Laufen gestrickt, jetzt stricke ich das Laufen um mein Leben.

Sie haben es angedeutet: Die deutschen Marathonläufer werden immer schneller. 2015 hatte Arne Gabius den 27 Jahre alten Deutschen Rekord von Jörg Peter von 2:08:47 auf 2:08:33 Stunden verbessert, jetzt waren allein in den vergangenen zehn Monaten fünf deutsche Läufer schneller. Wie schätzen Sie das ein?

NerkampDiese Leistungsexplosion ist überragend, hat aber definitiv auch mit der Technologie zu tun. Ich gönne das jedem, lässt aber die Zeit vor den Carbonschuhen leider etwas blass aussehen. Meine Zeit war lange eine Top-Zeit, die nicht oft gelaufen wurde – das ist jetzt anders. Ich bin mit diesen Schuhen auch mal einen Trainingslauf über zehn Kilometer unter 30 Minuten gelaufen – das konnte ich vorher nie. Und man kann auch ganz anders trainieren, mein Puls war bei gleichem Tempo zum Teil 15 Schläge niedriger. Aber leider leidet die Fairness auch ein bisschen. Ich hätte mir auch keine zehn Paar davon für jeweils 300 Euro leisten können, und die braucht man pro Jahr bei 200 Kilometern die Woche.

Da braucht man einen guten Sponsor…

NerkampJa, und das ist für einige Talente nicht so leicht. Bei mir ist da ja auch nie viel passiert, trotz der guten Leistungen. Ich bin kein Mensch, der sich so gerne in den Mittelpunkt stellt. Und dann ist es für Sportler in der 2. Reihe schwierig, Sponsoren zu finden. Ich hatte auch nie ein Management oder einen Ausrüstervertrag. Da lief viel über Aufi (Wilfried Aufenanger, Anm. d. Red.). Ohne den hätte ich die Leistungen so nicht bringen können. Heutzutage würde ich einiges womöglich anders angehen. Hinterher ist man oft schlauer. Aber ich bin bereit, mein Wissen weiterzugeben.

Mathias Freese
Mathias Freese Sportredaktion