Hundsmühlen - „Becken vor, Kehlkopf zeigen, Brust raus, Schultern runter und Doppelkinn machen." An der Wand klebt ein hagerer Mann in grünen Turnhosen und gibt Anweisungen. „Und jetzt Kniebeuge.“ Sieht aus, als ob er mal müsste – bis er sich, wiederum ziemlich galant, herab hangelt.
Eigentlich kann Florian Schwindt in zehn Metern Höhe unter der Decke herum krakseln. „Geschmeidig, wie ein tanzender Salamander.“ Zumindest wäre das Ziel des Indoor-Kletterers. Zweimal die Woche übt er im Hundsmühler Kletterzentrum. Heute geht er beruflich die Wände hoch: Als Physiotherapeut unterrichtet er demnächst Funktionstraining an den künstlichen Klippen des Sportclubs. „In Hockerhöhe“, sagt der Wardenburger.
Dafür haben er und seine Kollegin Anja Thienel eine eigene Wand. Denn während es in den anderen Räumen des Kletterzentrums eher hoch her geht, soll es beim Therapeutischen Klettern um Gleichgewichtsübungen, Koordination, Körperwahrnehmung und Schulung von Bewegungsabläufen gehen. „Das Angebot richtet sich auch an Schlaganfallpatienten, Menschen mit Multipler Sklerose oder Parkinson. Geeignet ist die Behandlung auch für Ältere – 60 Plus – oder Leute mit Rückenbeschwerden“, sagt Anja Thienel. Die Ergotherapeutin hat das Klettern vor einem Jahr für sich entdeckt – und dabei Florian Schwindt kennen gelernt. Nachdem sie die gleiche Fortbildung besucht haben, entschlossen sie sich, gemeinsam Kurse zu geben.
Kopf frei kriegen
Das er nicht nach tanzendem Salamander aussieht, während er sich an die bunten Plastikknubbel der Kletterwand krallt, stört Florian Schwindt nicht: „Beim Klettern“, sagt er, „kriegt man den Kopf frei und denkt nicht mehr an Alltagssorgen. Da zählt nur, nach oben zu kommen, den richtigen Griff zu erreichen, den Fuß passend zu platzieren – und, je besser man wird, sich ökonomischer zu bewegen.“ Möglichst dicht an der Wand bleiben, um weniger Körpergewicht stemmen zu müssen gehört dazu. Der 41-Jährige krabbelt in Richtung Decke. „Schwingende Bewegungen sind ideal“, ruft er von oben. Bevor das Kletterzentrum in Hundsmühlen im März eröffnet hat, musste der Familienvater für den sportlichen Senkrechtstart immer nach Groningen pilgern. Jetzt nimmt er seinen Sohn am Wochenende mit. Alltags unterrichtet er hier im angemieteten Raum Menschen mit Rückenbeschwerden und Gelenkschmerzen. Die soll jetzt auch der Berg rufen.
Ängste überwinden
„Das ist ein Sport mit total aufforderndem Charakter. Und es stärkt das Selbstbewusstsein, Ängste zu überwinden, die eigenen Grenzen kennen zu lernen“, sagt Anja Thienel und spricht von psychotherapeutischer Wirkung, der Behandlung von Depressionen: „Der ganze Mensch klettert mit“, sagt die 32-Jährige. Mit den gelb-grün-blau-violetten Knubbeln an den schrägen Wänden und dicken Schaumstoffmatten lassen die großen Hallen des Kletterzentrums tatsächlich wenig Raum für trübe Gedanken – fehlt nur noch ein Bälle-Paradis. Florian Schwindt nickt: „Kinder“, sagt er, „klettern auf Bäume. Das sind ganz natürliche Bewegungsabläufe. Erwachsene verlernen das. Wer immer am Computer sitzt, rostet sowieso ein. Anfänger könnten erstmal bunt klettern, Fortgeschrittene wählen ihre Routen nach den farbigen Knubbeln, richtige Profis seilen sich selbst entlang der Karabinerhaken empor.
Für die Fallhöhe der Therapeutischen Kletterwand ist allerdings kein Seil erforderlich. Nur die richtige Haltung: Brust raus, Schultern runter, Doppelkinn machen.
