Die Entscheidung kam aus sportlicher Sicht nicht überraschend, beinhaltete aber gleichwohl enorme Sprengkraft. Jens Lehmann geht als erster Torhüter der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Der Schlussmann von Arsenal London sticht damit Oliver Kahn, immerhin Vizeweltmeister von 2002 und 84-maliger Nationalspieler, aus. Die Zurückstufung des dreifachen Welt-Torhüters vom FC Bayern ist die Unabhängigkeitserklärung von Bundestrainer Jürgen Klinsmann.

Seit seinem Amtsantritt vor knapp 20 Monaten hat Klinsmann beim Deutschen Fußball-Bund jeden Stein einmal umgedreht. Dem ehemaligen Nationalstürmer ist es gelungen, mit nahezu allen DFB-Funktionären über Kreuz zu geraten und manch’ rituellen Ballast über Bord zu werfen. Zudem nimmt der Bundestrainer noch nicht einmal auf bestehende Werbeverträge und Kampagnen Rücksicht.

Der schwäbisch-kalifornische Sonnyboy schert sich in seiner Entscheidung weder um Kaiser noch Titan.

Oliver Kahn ist über Jahre als Fußball-Star erfolgreich vermarktet und nach seinen herausragenden Leistungen bei der WM 2002 in Japan und Südkorea zur Torwart-Ikone stilisiert worden. Seit Wochen flimmern aufwändig und für viel Geld produzierte Werbefilmchen im Fernsehen, in denen der grimmige Bayern-Schlussmann eine Hauptrolle spielt. Die Spots für einen Sportartikel-Hersteller und eine Schnellimbisskette sind nach Klinsmanns Ratschluss ein Fall fürs Filmmuseum.

Der Bundestrainer hat Standesdünkel ignoriert und damit vor allem den Marktführer Bayern München gegen sich aufgebracht. Zumindest in den kommenden drei Monaten sind Klinsmann und dessen WM-Spieler allerdings auf die breite Unterstützung der Bundesliga angewiesen. Das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica findet am 9. Juni in München statt. In Oliver Kahns Wohnzimmer ist Jens Lehmann dem Druck von allen Seiten ausgesetzt. Nur mit einer fehlerfreien Leistung ohne Gegentor kann der Herausforderer das Vertrauen rechtfertigen.

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