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Integration Lebensleistung mit Hand und Fuß

Ganderkesee - Josef Giesen ist ein erfolgreicher Leistungssportler und dazu noch ein guter Erzähler: Temperamentvoll und unterhaltsam beschreibt er seine sportliche Karriere und schildert seinen Alltag. Den meistert er von Geburt an ohne Arme: Nur zwei kurze Stummel mit kleinen Händen ragen aus seinen Schultern – und genau deshalb steht Josef Giesen an diesem Dienstag vor den Acht- und Neuntklässlern der Oberschule Ganderkesee.

Vorurteile abbauen

Der 49-jährige Contergangeschädigte und Biathlet aus dem emsländischen Herzlake steht im Mittelpunkt des Projektes „Von Behindertensportlern lernen“, mit dem der Behindertensportverband Niedersachsen (BSN) seit fünf Jahren Schulen im Lande besucht. „Wir wollen damit den Dialog zwischen Behinderten und Nichtbehinderten fördern, Vorurteile baut man am besten durch Anschauung ab“, erklärt Karl Finke, BSN-Vorsitzender und Behindertenbeauftragter des Landes, der an diesem Vormittag ebenfalls mit nach Ganderkesee gekommen ist.

Vier Schulen werden pro Jahr besucht. Das Projekt läuft stets nach dem gleichen Muster ab: Den einen Teil bestreitet Giesen, meist wie auch in Ganderkesee gemeinsam mit dem NDR-Moderator Andreas Kuhnt. Im lockeren Zwiegespräch plaudern sie über Giesens Erfolge als Wintersportler: Der Herzlaker nahm viermal an den Paralympics teil und gewann dort sowie bei Weltmeisterschaften mehr als ein Dutzend Medaillen. Der Sportler, der als junger Mann über das Schwimmen eher zufällig zum Biathlon gekommen war, zeigt den Schülern, wie er mit seinem Spezialgewehr umgeht, er beschreibt aber ebenso Profanes aus seinem Alltagsleben: Wie er sich mit den Füßen die Zähne putzt oder die Haare wäscht. Im Laufe der Jahre, so Giesen, habe er aber auch immer besser gelernt, mit seinen Händen umzugehen.

Viele Contergangeschädigte haben Scheu, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen – Giesen nicht, im Gegenteil: Er demonstriert mit seiner Biografie, dass eine körperliche Behinderung ein selbstbestimmtes und zufriedenes Leben nicht ausschließt. „Wir wollen mit diesem Projekt auch zeigen, wie man positiv mit Lebensbrüchen umgehen kann“, erläutert Karl Finke, der selbst seit seinem 21. Lebensjahr nahezu blind ist.

Im Mittelpunkt steht aber der Sport – nicht nur Giesens Biathlon-Karriere. Im zweiten Teil des vierstündigen Programms machen die Schülerinnen und Schüler nämlich eigene Erfahrungen: beim Rollstuhl-Basketball. Für diesen Part hat der BSN mit dem Hannoveraner Bundesligaspieler Eike Gößling einen weiteren Spitzensportler mit ins Boot geholt. Unter dessen Anleitung erfahren die Jugendlichen, wie sie sich im Rollstuhl möglichst wendig über das Spielfeld bewegen können. Dass das gar nicht so einfach ist, wird spätestens ersichtlich, wenn alle gleichzeitig losrollen – und schnell mal miteinander kollidieren.

Mehr als Rollstuhlfahren

Carina Schewe, die Integrationsbeauftragte der Oberschule, ist froh, dass der BSN mit dem Projekt nach Ganderkesee gekommen ist – als erste von vier Stationen in diesem Jahr. „Rollstuhl-Basketball haben wir im vergangenen Jahr schon einmal in Zusammenarbeit mit dem Behindertensportverband angeboten“, berichtet sie. Lernen jedoch können Schüler von Behindertensportlern viel mehr als nur Rollstuhlfahren.

Hergen Schelling
Hergen Schelling Redaktion für den Landkreis Oldenburg (Leitung)
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