Les Sables D’olonne - Das Grundmotiv, nach einem heftigen Rückschlag möglichst schnell wieder das Positive zu sehen, gibt es in vielen Ausprägungen. Segler Boris Herrmann (39) erlebte diese Extreme am Mittwoch und Donnerstag. Der Rückschlag war für ihn ein spanischer Fischtrawler, mit dem er am späten Mittwochabend rund 170 Kilometer vor der französischen Küste kollidiert war. Da er aufgrund erlittener Schäden am Boot nur noch mit deutlich reduzierter Geschwindigkeit weitersegeln konnte, kam er etwa zehn Stunden später als erwartet im Zielort Les Sables d’Olonne (Frankreich) an. Der durchaus mögliche Sieg bei der Weltumseglungs-Regatta Vendée Globe war futsch, der gebürtige Oldenburger wurde nach der Ankunft zunächst als Vierter geführt. Bestätigt ist das Ergebnis aber noch nicht.
Die Reaktion
„Ein lachendes und ein weinendes Auge“ hatte Herrmann nach dem Malheur bei sich festgestellt. Zunächst hatte er vom „schlimmsten Albtraum“ gesprochen, der ihm je widerfahren sei. Doch bei aller Enttäuschung kam sehr schnell die Erkenntnis, trotz des Rückschlags etwas Großartiges vollbracht zu haben. Nämlich als erster deutscher Teilnehmer die Vendée Globe bestritten (und vollendet) zu haben und nahezu bis zum Schluss vorn mitgesegelt zu sein. „Als ich in den Hafen gekommen bin, habe ich auf einem Boot meine Freunde und meine Familie gesehen. Und nachdem ich deren Freude und Begeisterung gesehen habe, ist es mir mehr und mehr bewusst geworden“, sagte er an Land. Dort war er von seiner Frau Birte Lorenzen-Herrmann, der gemeinsamen Tochter Malou und Familienhund Lilli begrüßt worden. „Ich bin absolut zufrieden“, fiel das Resümee da schon versöhnlich aus.
Die Kollision
Er habe kurz geschlafen, als er durch die Kollision geweckt wurde. „Ich kann mir nicht erklären, warum die Warnsysteme nicht funktioniert haben“, rätselte Herrmann. Das Foil auf der Steuerbordseite wurde beschädigt, ebenso das Segel: „Ich habe danach einfach funktioniert. Dabei habe ich festgestellt, dass ich weitersegeln konnte.“
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Zu dem Zeitpunkt hatte Herrmann noch Chancen auf den Sieg. Denn die Rennleitung hatte ihm – genau wie zwei anderen Teilnehmern – bereits eine Zeitgutschrift angekündigt. Die gab es, weil das Trio Ende November südlich vom Kap der Guten Hoffnung an einer Rettungsaktion teilgenommen und dafür den Kurs verlassen hatte. Nach der Kollision verlor Herrmann aber so viel Zeit, dass auch die erstatteten 6:00 Stunden nicht mehr für einen Platz unter den besten Drei reichten.
Die Erkenntnis
Nach 80 Tagen auf See fiel es Herrmann schwer, seine Eindrücke zu sortieren und in Worte zu fassen. „Diese Tage waren härter, als ich es erwartet hatte“, sagte der Profisegler. So könne er noch nicht sagen, ob er in vier Jahren einen neuerlichen Anlauf nehmen werde. Gemerkt habe er aber bereits, „dass ich nicht für das Alleinsein gemacht bin“. Die Einsamkeit auf dem Boot sei mitunter sehr schwierig für ihn gewesen – auch wenn er über diverse Kanäle so viel kommunizierte wie kaum ein anderer Regattateilnehmer. Dennoch sei mit der Teilnahme an der Regatta „ein Traum in Erfüllung gegangen“.

