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NWZonline.de Sport

Krieg Spielen In Oldenburg: Nach Feierabend in den Tarnanzug und an die Waffen

11.03.2017

Oldenburg Fabian huscht geduckt durch ein dunkles Gebäude, seine Pistole im Anschlag. Ein Blick durchs Fenster – sauber. Weiter. Er schaut sich um, sichert jede Ecke. Vor ihm taucht eine Gestalt auf – Tarnkleidung, Kampfweste, Gewehr im Anschlag. Ein Zeigefinger krümmt sich, ein Schuss hallt durch die Ruine. Im nächsten Moment stürmt er nach draußen. Er sieht sich anderen getarnten Gestalten gegenüber und feuert routiniert auf eine Person nach der anderen. Keine Szenen aus einem Kriegsgebiet, sondern aus Deutschland.

Der Mann in dem Video ist Fabian Braun, Spitzname „Scantraxx“, 26 Jahre alt, Elektriker und Chef des Softairteams „Strike Force Oldenburg“ (SFO). Er sitzt nun mit seinem Teamkameraden Kevin Michels, Spitzname „Kenny“, 23, Kassierer und Sanitäter beim Roten Kreuz, in einem gemütlichen Wohnzimmer einer Einfamilienhaussiedlung in Oldenburg. Vor ihm stehen ein Maschinengewehr, eine Pistole und ein Scharfschützengewehr auf dem Couchtisch – keine echten, sondern täuschend echt aussehende Softairwaffen, die kleine Kügelchen verschießen – auf Menschen, die in ihrer Freizeit Krieg spielen. „Softair ist ein Sport. Man bekommt eine Aufgabe und muss sie erfüllen“, formuliert Braun.

Professor Thomas Alkemeyer von der Uni Oldenburg sieht in Softair, Paintball oder mittelalterlichen Rollenspielen eine Ausflucht aus dem Alltag. „Es gibt darin Möglichkeiten, gewisse Vorstellungen von Männlichkeit zu erproben.“ Der Männeranteil sei in diesen Spielen oft wesentlich größer der der Frauen, weiß Alkemeyer. „Es gibt Möglichkeiten, sich in einer Gruppe zu organisieren, Hierarchie zu erleben.“ Männlichkeit habe in der heutigen Gesellschaft keinen großen Stellenwert mehr. „Softair ist ein Laboratorium, um sein männliches Selbst auszuprobieren.“

Raketenwerfer im Einsatz

„Eigentlich gibt es jede militärische Waffe als Softair“, sagt der Teamchef der Truppe. Das Angebot reiche von Pistolen bis zum Raketenwerfer, der hunderte Kügelchen auf einmal verschießt – betrieben elektrisch, durch Muskelkraft oder Gasdruck. „Ist aber auch viel Spielkram“, findet er. Schwere Verletzungen könnten die frei verkäuflichen Waffen nicht hervorrufen, „Bei richtigem Umgang“, ergänzt Braun. So seien etwa Schutzbrillen vorgeschrieben. „Einmal habe ich eine Kugel an die Schläfe bekommen und mir wurde schummrig“, erinnert sich Michels.

„Es gibt da eine alte Sehnsucht nach Flucht aus zivilisatorischen Zwängen“, erklärt Thomas Alkemeyer dazu. Im Kampfanzug mit Spielzeuggewehr – nur da könnte sich ein junger Mann heute noch kämpferisch und heldenhaft geben. Gefahr gebe es kaum noch in der Zivilisation. „Dabei kann man Gefahr erleben, allerdings eine reglementierte Gefahr durch Schutzausrüstung und Begrenzung der Geschossenergie.“

Deckung geben, tarnen, ein Gebäude stürmen und sich dabei auf die Teamkameraden verlassen. Gelernt haben beide das im Softairspiel. „Wir hatten auch mal ein Taktiktraining. Aber wenn wir etwas in Filmen sehen, fragen wir uns auch, wie wir das selbst anwenden können.“

Softair und Videospiele: Thomas Alkemeyer sieht darin eine starke Wechselbeziehung. „Was da getan wird, ist auch beeinflusst durch PC-Spiele, einige Ideen werden entnommen, so dass das was am Bildschirm passiert zu einer realen sinnlichen Erfahrung wird.“ Gefährlich sei das in der Regel nicht. „Jedes Kinderspiel ist so aufgebaut, etwa bei ‚Vater Mutter Kind‘.“ Auch in diesem Kinderspiel stecke immer ein Bezug zur Realität.

Vom Nachspielen echter Kriege distanzieren sich die Oldenburger. „Das muss wirklich nicht sein“, findet Kevin Michels., Er schüttelt den Kopf. Aus echten Kriegen ein Spiel machen, sei nicht richtig. „Normal ist das klassische Räuber und Gendarm-Spiel“, erklärt Fabian Braun.

Auf ihrem mit 1500 Teilnehmern größten Spiel wurde einiges geboten. Striptease-Tänzerinnen am Abend, russische Panzer, wie Soldaten ausgestattete Spieler und Geländewagen am Tage. Hunderte Menschen stürmen los und suchen über Kimme und Korn nach Gegnern. Kleine Kugeln pfeifen durch die Luft, wer getroffen wird, hebt den Arm und geht für eine kurze Zeit aus dem Spiel. Das basiert auf Fairness, einen Treffer nachweisen kann man beim Softair nicht.

Ein paar hundert Spieler in mehr als zwei Dutzend Teams und mehr als zwei Spielfelder gibt es im Oldenburger Land, organisiert in rund zwei Dutzend Teams unterschiedlicher Größe. „Mit 14 Leuten sind wir schon über dem Durchschnitt.“ Die SFO unterhält ein rund vier Hektar großes Gelände in Ocholt bei Westerstede. „Bermuda Beach“ hat das Team das Waldstück mit angrenzendem See getauft. Nur dort können sie ihr Hobby legal ausüben. „Es ist abgesperrt und ein Erdwall lässt keine Kugeln nach außen“, fasst Braun die Sicherheitsvorkehrungen zusammen. Für den Schutz der Umwelt schössen sie mit natürlich abbaubaren Kugeln und nicht mit welchen aus Plastik.

Softair ist legal

Günter Janßen ist beim Ordnungsamt Westerstede zuständig fürs Waffenrecht. Er bestätigt: Softair ist legal – wenn man sich an die Regeln hält. So müssten die Waffen schussunfähig und in Taschen oder Koffern transportiert werden, auf keinen Fall in der Hand in der Öffentlichkeit. Eine Geschossenergie bis 0,5 Joule sei frei ab 14 Jahren, über 0,5 Joule ab 18 Jahren. Zum Vergleich: Eine Polizeipistole hat über 380 Joule.

Zurück zum Couchtisch voller Waffen: Ziel des Spiels sei meistens die Eroberung von Gegenständen oder Orten, aber auch das Entschärfen einer Bombenattrappe, die blinkt. „Viele Ideen haben wir aus Videospielen“, sagt Kevin Michels. „Aus meiner Sicht kann das auf Außenstehende schon eigenartig wirken.“ Braun findet aber nichts bedrohliches an seinem Hobby: „Softair ist Spiel und Spaß und niemand wird bedroht oder verletzt.“

„Man muss vor uns keine Angst haben.“ Ein Jäger mit seinem Gewehr sei gefährlicher, findet Kevin Michels. „Selbst der Metzger mit seinem Beil“, witzelt Teamchef Braun. Das Erscheinungsbild sei martialisch, gibt Michels zu. „Aber wenn wir in Rosa spielen würden, könnten uns alle sehen“, ergänzt Braun. Wer nicht gesehen werden will, trägt also Tarnkleidung, wer seine Munition griffbereit haben möchte, trägt eine Kampfweste, ebenso wie ein Läufer Sportschuhe.

„Keine Probleme, keine Kontakte, keine Anzeigen und keine Vorfälle“, fasst Stephan Klatte, Sprecher der Polizeiinspektion Oldenburg-Stadt/Ammerland die Sachlage zum Thema Softair zusammen. Das sieht auch sein Amtskollege Albert Seegers vom Polizeikommissariat Delmenhorst so: „Probleme gibt es nur, wenn die Waffen nicht für Spiel, Spaß und Spannung genutzt werden.“ Das wissen auch die Spieler: „Viele treiben Schabernack mit Softair-Waffen, aber die haben außer dem Spielgerät mit uns nichts gemeinsam.“

Für die meisten ist Softair eine Verbindung vieler Hobbies. Braun kann sein Elektriker-Wissen beim Basteln an den komplizierten Waffen einsetzen. Kevin Michels setzt seine DRK-Erfahrung ein und trägt einen getarnten Sanitäts-Rucksack im Spiel bei sich, falls es zu Verletzungen beim Spiel kommt. In diesem Punkt verschwimmen Realität und Wirklichkeit.

Auf Ablehnung stoßen seien beide im Freundes- und Bekanntenkreis nicht. Trotzdem sind sich beide der Einzigartigkeit ihres Hobbys bewusst. „Es ist eben ein außergewöhnliches Hobby, es ist nicht wie Fußball.“


  www.strike-force-oldenburg.de 
Sascha Sebastian Rühl Volontär, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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