Delmenhorst/Stenum - „Liesel, komm noch schnell mit aufs Bild!“, fordert die Gruppe vor dem Hotel Backenköhler in Stenum ihre ehemalige Klassenkameradin auf. Aufstellung zum diesjährigen Klassenfoto des letzten Kriegsjahrgangs. 13 ehemalige Schülerinnen und Schüler der Handelsschule Delmenhorst, Jahrgang 1943 bis 1945, sind zusammengekommen, um über alte Zeiten zu sprechen und gemeinsam in Erinnerungen zu schwelgen.
Seit Mitte der 60er-Jahre treffen sich die Absolventen der Handelsschule. 59 waren es einmal, 19 sind noch da. Die Liste der Verstorbenen wird herumgereicht. „Manche sind bereits im Krieg gefallen“, erklärt Hermann Bokelmann, ehemaliger Handelsschüler und früherer Landrat des Landkreises Oldenburg.
Die inzwischen jährlichen Treffen werden von Mitschüler Enno Meyer organisiert. Das diesjährige hat einen besonderen Anlass: die 70-jährige Wiederkehr des Notabschlusses im Herbst 1944. Die Jungen des Jahrgangs 1928 wurden im Sommer 1944 eingezogen, die des Jahrgangs 1929 mussten im Oktober 1944 in Friesland Artilleriestellungen und Schützenlöcher für den „Friesen-Wall“ schaufeln. „Ich erinnere mich noch genau“, erzählt Bokelmann. „Damals mussten wir Nachtwache in der Handelsschule halten. Im August wurden die Räume dann als Reserve-Lazarett beschlagnahmt.“ Er hat einen kleinen Kalender aus dem Jahr 1944 mitgebracht. Dort ist alles genauestens notiert: das Datum der Beschlagnahmung und der Beginn der mündlichen Abschlussprüfung im November. Es war eine sogenannte Notabschlussprüfung, die sie gemeinsam mit den Mädchen absolvierten. Danach setzte man sie zur Arbeit in der Rüstungsindustrie ein. Drei Mädchen versahen als Rot-Kreuz-Helferinnen im Reserve-Lazarett ihren Dienst.
Im nächsten Jahr wird es ein Wiedersehen geben.
