Oldenburg - Die Erinnerung sei wie eine Katze, heißt es. Sie setzt sich dorthin, wo sie will – und nicht unbedingt dorthin, wo es der Mensch sich vorstellt. Da verklärt sich dann einiges. Doch zu Horst Eckel bekomme ich noch allerhand zusammen. Vor 67 Jahren wurde ich sein „Doppelgänger“, ideell natürlich. Als Persönlichkeit war er sowieso einmalig.

Zur Fußball-WM 1954 war ich gerade mal zwölf. In unserer wilden Straßenmannschaft in einer Sauerländischen Kleinstadt legten wir uns die Namen der deutschen Nationalspieler zu. Ich wurde „Horst Eckel“. Zu dem 22 Jahre alten Mittelfeld-Wusel passten meine schmächtige Statur, mein weit reichendes Laufpensum und meine Wendigkeit. „Damit gleichst du deine Technik locker aus, gut für unsere Truppe“, sagte ein Vater, der uns betreute.

Technisch nicht allzu gut, dafür mannschaftlich wichtig? Mit diesem Vorurteil habe ich meinen Spitznamensgeber die weiteren Jahre beobachtet. Viel Fußball im Fernsehen gab es noch nicht. Aber was ich mitbekam, drehte allmählich meine Meinung zu den spielerischen Elementen meines Vorbildes – ins Positive.

Um die Jahrtausendwende lernte ich Horst Eckel persönlich kennen. Er besuchte in Oldenburg im Auftrag der Sepp-Herberger-Stiftung junge Strafgefangene. „Ihnen soll über Sport eine Perspektive gezeigt werden“, erklärte er. „Ehrlicher Respekt“ sei ihm dabei immer entgegengebracht worden.

Wir sind nach dem offiziellen Termin noch lange in ein Gespräch zur WM 1954 geraten. Das Bild vom Endspiel 1954 sei bis heute verzerrt, positionierte sich Eckel engagiert: „Da kennst du immer nur diese Szenen, in denen der Kohli den Ball von der Linie drischt, oder der Toni sich einem Ungarn vor die Füße wirft.“ Er bekundete seine gegensätzliche Meinung: „Wir waren nicht nur die Kämpfer, nein, im Feld waren wir den Ungarn spielerisch absolut ebenbürtig!“ Was zu beweisen war.

Vom 54er-Finale gab es keine Aufzeichnung. Dokumentiert waren nur rund 20 Minuten Szenen für die Wochenschau. Eckel nahm überzeugt das Angebot von Sönke Wortmann an, als Berater für den Film „Das Wunder von Bern“ mitzuwirken. Tatsächlich gelang es, über sogar im Ausland aufspürte Profi- und Amateuraufnahmen fast die ganzen 90 Minuten zu rekonstruieren. Und? Die Deutschen standen spielerisch ihrem Gegner in nichts nach!

2004 hatte die NWZ dann Horst Eckel als Ehrengast und Kommentator zur Präsentation des Wortmann-Films in Oldenburg eingeladen. Irgendwann kamen wir wieder intensiv ins Gespräch, das ging bei ihm leicht. Über mein Geständnis, dass ich ja auch mal als „Horst Eckel“ aufgetreten war, amüsierte er sich herzlich. Als ich ihm von meiner aktuellen Aktivität in der Ü-60-Mannschaft des VfL Bad Zwischenahn erzählte, kamen wir auf eine verwegene Idee: Sollten „Eckel“ und Eckel nicht mal zusammen spielen? Es könnte passen, denn: „Fußball spiele ich immer noch gerne.“ Und Urlaube im Nordwesten waren bei ihm nicht so selten.

Geklappt hat es dann doch nicht. Die erste Absprache scheiterte, weil die Ü-60-Liga damals im Sommer Spielpause hatte. Zwei Jahre später musste Horst Eckel passen: „Mit einem Knie geht das nicht mehr.“ Trotzdem: Irgendwie bin ich noch heute stolz darauf, dass ich mal zu einem wie Horst Eckel ernannt worden bin.

Am Freitag ist Eckel im Alter von 89 Jahren gestorben. Er war der letzte noch lebende Weltmeister von 1954 gewesen.