OLDENBURG - OLDENBURG - Der Fall der siebenjährigen Jessica aus Hamburg hat es gezeigt: Wenn Eltern ihre Kinder vernachlässigen, kann das im schlimmsten Fall zum Tod führen. Daher fordert die Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren eine engere Zusammenarbeit zwischen Kinderärzten und Hilfseinrichtungen sowie der öffentlichen Jugendhilfe. „Für die Eltern müssen wir offensive, aufsuchende Hilfe leisten. Hier ist viel Überzeugungsarbeit nötig, denn man kommt an die betreffenden Familien schwer heran. Aber nur Elternarbeit ist Kinderschutzarbeit“, sagte der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft, Arthur Kröhnert, auf einer bundesweiten Fachtagung in Oldenburg mit rund 150 Kinderärzte, Pädagogen, Therapeutinnen und Erzieherinnen.

5000 Fälle von Kindesvernachlässigung führt die Bundeskriminalstatistik pro Jahr auf. Die Kinderschutz-Zentren gehen von höheren Zahlen aus. Die betroffenen Familien, nach Angaben von Kröhnert meist aus „bildungsfernen“ Schichten oder mit Migrationshintergrund, seien sich oft nicht bewusst, dass sie ihre Kinder vernachlässigten. Das beginne mit dem fehlendem Frühstück, dreckiger Kleidung oder unpünktlichem Schulbesuch.

Die Leiterin des Oldenburger Kinderschutz-Zentrums, Stefanie Thiede-Moralejo, berichtete von Fällen, in denen Fünfjährige nicht einmal Obst kannten. Dabei habe es sich nicht etwa um seltene Früchte, sondern um Äpfel und Bananen gehandelt. Diese Kinder hätten von ihren Müttern und Vätern keine ausgewogene Ernährung gelernt. Andererseits gebe es auch eine „Wohlstandsverwahrlosung“, wenn die Kinder zwar teure Tennis- oder Reitstunden, nicht aber genug emotionale Zuwendung bekämen.

Für Beratung durch ambulante Familienhebammen sprach sich der ärztliche Leiter der Kinderklinik Oldenburg, Dr. Christoph Korenke, aus. In den ersten Wochen nach der Geburt könnten sie den oftmals überforderten Eltern zeigen, was ein Baby brauche. Außerdem sollten die ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen bis zum Jugendalter verpflichtend werden, forderte Korenke.

„Reine Fälle“ von Vernachlässigung seien selten, fast immer komme auch sexuelle und körperliche Gewalt hinzu, berichtete Thiede-Moralejo. Den betroffenen Kindern und Jugendlichen falle es schwer, sich Hilfe zu suchen, weil sie sich schämten und schuldig fühlten.

Das Oldenburger Kinderschutzzentrum appelliert daher an Erzieherinnen und Lehrer, Großeltern und Nachbarn, mutmaßliche Opfer von Vernachlässigung zu melden. Außerdem bietet es Beratung für Pädagogen, Arzthelferinnen oder Mitarbeiter der Jugendhilfe an.