OLDENBURG - Sei Kam Chow ist eine zielstrebige Kämpferin. Was sich die Tochter chinesischer Eltern in den Kopf setzt, verwirklicht sie auch: Ich war nie der schüchterne Mädchentyp. Ich habe mich immer gewehrt und durchgesetzt. Dies gelte sowohl für ihre Zielstrebigkeit im Sport als auch für ihren Willen, sich der deutschen Kultur gänzlich zu öffnen. Meine gelungene Integration habe ich vor allem meinen Eltern zu verdanken, sagt die 51-Jährige.
Im August 1960 kam Sei Kam Chow in Bremerhaven zur Welt. Drei Jahre zuvor zog es ihren Vater aus Hongkong nach Deutschland, da er eine Arbeitsstelle als Koch in einem chinesischen Restaurant erhielt. Damals gab es in Deutschland noch nicht so viele China-Restaurants. Über seinen chinesischen Ausbilder, der ebenfalls in Deutschland gearbeitet hat, lernte mein Vater dann meine Mutter kennen, erzählt Chow. Ende der 1960er eröffneten ihre Eltern das erste chinesische Restaurant in Oldenburg. Durch den Kontakt mit den Gästen lernten beide immer besser Deutsch. Außerdem besuchten sie Sprachkurse, berichtet die gebürtige Bremerhavenerin.
Die in den darauffolgenden Jahren berufsbedingten Umzüge der Eltern waren für sie und ihre drei jüngeren Brüder nicht immer leicht. Wir sind beispielsweise von Oldenburg in den Süden Deutschlands gezogen. Die vielen Schulwechsel waren schwierig für uns, erinnert sie sich. An Konflikte mit Schulkameraden aufgrund ihres asiatischen Aussehens kann sich Chow aber nicht erinnern: Natürlich haben die anderen Kinder gemerkt, dass ich andere Augen und dunklere Haare habe als sie. Gehänselt wurde ich deswegen aber nie.
Kulturelle Offenheit
Anfang der 1970er verschlug es ihre Familie zurück in den Norden nach Delmenhorst. Dort machte Chow ihr Abitur. Während unserer Kindheit haben unsere Eltern immer darauf geachtet, dass wir Geschwister und auch sie selbst nicht ausschließlich mit Chinesen zusammen sind. Wir haben die deutschen Sitten und Bräuche übernommen und sind wie deutsche Kinder aufgewachsen, berichtet sie. Dabei sollten die kulturellen Wurzeln der Eltern allerdings nicht vollends verloren gehen. Einige Werte und Normen der asiatischen Kultur wie der Respekt vor den Älteren wurden uns schon beigebracht. Grundsätzlich verfolgten unsere Eltern aber eine vollständige Öffnung gegenüber der deutschen Kultur.
Gelegentlich reiste die Familie nach Hongkong. Zuhause wurde sowohl Chinesisch als auch Deutsch gesprochen. Meine Eltern wollten in Deutschland ein Teil des Ganzen werden. Wer sich öffnet, integriert sich und kann dabei trotzdem seine Identität behalten. Das haben sie uns Kindern immer vorgelebt, erzählt Chow.
Für ihr Studium wechselte Chow abermals ihren Wohnort. In Hessen studierte sie Jura. Für ihr Referendariat zog sie Ende der 1980er schließlich wieder zurück nach Oldenburg, wo sie bis heute mit ihrem Ehemann lebt. Beruflich ist sie im Öffentlichen Dienst tätig.
Seit 1977 ist Chow Mitglied im Deutschen Judo-Bund. Spezialisiert hat sie sich auf Kata, eine festgelegte Form des Judos. Ihre Vorliebe für eine asiatische Sportart sei reiner Zufall: Früher habe ich Sport gehasst. Dass ich ausgerechnet der asiatischen Kampfkunst verfallen bin, hat nichts mit der Herkunft meiner Eltern zu tun. An Kata fasziniere sie die Genauigkeit: Anfangs war Judo für mich nur eine Sportart, bei der man seine körperlichen Fähigkeiten entwickeln kann. Jetzt habe ich den Schwerpunkt auf die Verfeinerung der technischen Komponenten gelegt. Es motiviert mich, in den Wettbewerben die eigene Qualitätssteigerung beobachten zu können.
Erfolgreiche Sportlerin
Mit ihrer zielstrebigen Einstellung ist die Kata-Kämpferin erfolgreich. Nach dem Titelgewinn bei den Deutschen Meisterschaften 2009, 2010 und 2011, gewann sie im Oktober 2011 mit ihrem Kata-Partner Sebastian Frey den Titel im Teamwettbewerb bei den Kata-Europameisterschaften in Prag.
Stets auf der Suche nach Leistungssteigerung nimmt sie regelmäßig an Kata-Lehrgängen teil. Das ist ziemlich zeitaufwendig. Oft finden die Kurse im Ausland wie beispielsweise Japan oder Italien statt.
Nach China reist Sei Kam Chow heute nicht mehr. Oldenburg sei zu ihrer Heimat geworden: Ich kann sagen, dass ich komplett integriert bin. Ich sage immer, ich lebe in einer chinesischen Hülle und führe ein deutsches Leben.
