Oldenburg - „Readyyy, Set, Hut!“: Dieses Kommando aus dem American Football haben der US-Amerikaner Elloheim Tucker und der Spanier Ivan Iordanov Rodriguez wohl schon tausende Male gehört. Sie spielen für die Oldenburg Knights in der zweithöchsten deutschen Football-Liga (GFL 2) und sind sogenannte Import-Spieler. Für Tucker und Rodriguez gibt es (fast) nichts außer „ihrem“ Sport. In Deutschland wollen sie ihrem Traum, eine Karriere im American Football hinzulegen, näher kommen. Aber wie genau sieht der Alltag eines Import-Spielers aus und warum verschlägt es sie ausgerechnet nach Oldenburg?
Wie bei allen American-Football-Teams ist auch der Kader der Oldenburg Knights in Offensive, Defensive und Special-Teams aufgeteilt. Insgesamt gehören dem Roster der Knights 62 Spieler an.
Vier von diesen 62 Spielern Oldenburgs sind Import-Spieler aus dem Ausland. In diesem Jahr sind das Linebacker Warren K. Bartlett Jr. (USA, Defense), Running Back Terry Hunter Jr. (USA, Offense), Cornerback Elloheim Tucker (USA, Defense) und Wide Receiver Ivan Iordanov Rodriguez (Spanien, Offense).
Die häufigsten Positionen der Import-Spieler in Deutschland sind Cornerback, Linebacker, Quarterback, Running Back oder Wide Receiver. Laut den Regeln der deutschen Football Liga GFL dürfen bei einem Team nur zwei Import-Spieler gleichzeitig auf dem Platz stehen. Damit will man sicherstellen, dass deutsche Spieler genügend Einsatzzeit bekommen.
Den Traum am Leben halten
Bei Tucker drehte sich schon immer alles um Football. „Ich spiele, seitdem ich sechs bin“, verrät der 25-Jährige. In den Vereinigten Staaten hat er im College in der dritten Division bei den Buffalo State Bengals auf der Position des Cornerback, also als Passverteidiger, gespielt. Seine Zahlen dort waren gut, unter anderem wurde er für das All-Star-Team nominiert. Nach seiner College-Zeit wollte er den Traum vom Profi nicht aufgeben. Bei seinen vielen Workouts und Trainingsessions hat er zwei Trainer kennengelernt, die schon in Italien und Deutschland gespielt haben. „Sie haben mir geraten, mal darüber nachzudenken.“ Den Schritt von New York nach Oldenburg bezeichnet er als „sehr groß“. Besonders dankbar ist er seinem Personal-Trainer Calvin Hartman, der ihn fit gemacht hat.
Einen deutlich kürzeren Weg hatte Rodriguez. Der 21-Jährige ist in Madrid groß geworden und spielte als Wide Receiver (dt.: Passempfänger) für den spanischen Erstligisten Osos Rivas, mit denen er die spanische Meisterschaft gewann. 2022 bekam er eine Chance bei den Barcelona Dragons, die Teil der European League of Football (ELF), der europäischen Profi-Liga, sind. „Aber ich denke, ich war noch zu jung für diesen Schritt“, sagt er heute. Es war Mario Flores, selbst Wide Receiver und erfolgreicher Football-Spieler in Europa, der Rodriguez zum Schritt nach Deutschland riet.
Einsamkeit
Das Leben als Import-Spieler ist für Tucker und den Spanier eine Umstellung. Der US-Amerikaner hatte in den Staaten einen vollgepackten Tag. Morgens ging es um 6.30 Uhr für seine Workouts von Harlem, New York, bis nach New Jersey. Von 11 bis 18 Uhr arbeitete er dann im Einzelhandel, danach lieferte er bis spät abends Essen aus. Rodriguez hat in Madrid studiert und einen geregelten Tagesablauf gehabt. Studium, Training, Freunde treffen. Vor allem das Fehlen von Freunden und Familie mache sich bemerkbar.
Zwar werden sie „nur“ für das Football spielen bezahlt. Aber: „Wenn ich ehrlich bin, kann es hier schnell mal auch langweilig werden“, sagt der Spanier. „Die meiste Zeit sind wir allein und es ist schon etwas einsam.“ Beide gehen drei- bis viermal die Woche ins Fitnessstudio, abseits davon und dem Training gebe es aber nicht viel. Tucker hat das Spazieren gehen für sich entdeckt und erkundet die Gegend mit dem Fahrrad. Außerdem streamt er Videospiele. Das Duo wohnt zusammen in einer Wohnung in Oldenburg und unternimmt auch hin und wieder etwas zusammen, sie verstehen sich gut. Außerdem trainieren sie die Jugend der Knights.
Zukunftspläne
Und wie finden die beiden Neuen Oldenburg? „Hier ist es viel ruhiger und entspannter als zu Hause“, sagt Tucker. „Hier ist es von allem nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Das Wetter, die Menschen, einfach alles: Es ist genau der richtige Mittelweg für mich.“ Rodriguez sieht es ähnlich und macht vor allem einen Unterschied zu Spanien aus: „Hier macht alles um 22 Uhr zu, in Spanien geht es dann erst so richtig los.“ Für den Spanier ist es außerdem das erste Mal, dass er komplett auf sich allein gestellt ist und nicht mehr zu Hause wohnt. „Für mich ist es auch eine Chance, als Person zu wachsen“, sagt Rodriguez. „Ich will aus meiner Komfortzone.“
Ihre Fähigkeiten kann das Duo am Samstag, 24. Juni, wieder unter Beweis stellen. Dann treffen die Knights um 16 Uhr im Marschwegstadion auf die Düsseldorf Panther. Was die Zukunft angeht wissen aber beide: Sie werden nur auf bestimmte Zeit hier bleiben. Tucker möchte sich wieder in den Staaten versuchen und einen Platz in der amerikanischen Profiliga XFL ergattern. Rodriguez wird es zurück nach Spanien ziehen. Die Stadt Madrid bekommt ab 2024 ein neues Team für die ELF. Dort will er sich für einen Kaderplatz empfehlen. Eines wird im Gespräch mit beiden deutlich: Sie lieben „ihren“ Sport und sind bereit, für ihren Traum vom Football-Profi (fast) alles zu tun.
