Oldenburg - Langsam lasse ich das Geländer der Gondel los und strecke meine Arme nach oben. Ich schließe meine Augen und lasse mich nach vorne fallen. Und ich falle – circa 65 Meter tief. Kein Boden unter meinen Füßen, kein Sitz in den ich gedrückt werde, kein Haltegriff. Ich fliege! Und es ist ein unbeschreiblich tolles Gefühl. Ich bin frei!
Von Gefühlen überwältigt
Na gut, nicht völlig. Ich spüre ein kräftiges Ziehen an meinen Füßen, mit denen ich an einem dicken weißen Seil befestigt bin und hin und her und auf und ab gewirbelt werde. Der Widerstand lässt nach, kurz geht es wieder nach oben. Vorsichtig öffne ich meine Augen und werde abermals von meinen Gefühlen überwältigt. Wahnsinn! Kurze Zeit später komme ich, noch immer über Kopf baumelnd, unten an und werde von den Mitarbeitern aufgefangen und sanft zu Boden gelassen. Durchatmen.
Mein Adrenalinkick startet am Samstag kurz nach 18 Uhr und immer mehr Abenteuerlustige finden sich vor dem Zelt des Oldenburger Bungee-Jumping-Events ein. 49 Euro kostet ein Sprung, eine einfache Gondelfahrt fünf Euro. Dabei ist schon die Fahrt nach oben alles andere als einfach. Menschen, Autos und Gebäude werden immer kleiner, die Luft kühler und der Wind stärker. Den meisten schlägt jetzt das Herz bis zum Hals.
Die Nervosität und Vorfreude ist deutlich zu spüren im Zelt. Hier und da wird ein Bier getrunken, zitternd die Einverständniserklärung ausgefüllt oder hibbelig umhergelaufen. Ich schätze die anderen Springer auf 20 bis 35 Jahre. Das Mindestalter liegt bei 16. In diesem Alter hätte ich mich das nicht getraut. Aber auch jetzt mit 29 bin ich extrem aufgeregt und weiß eigentlich nicht genau, warum ich springen will. Was treibt uns dazu, aus 65 Metern auf den Pferdemarkt zu springen? „Es ist der Adrenalin-Kick“, sagt Andre Pelzer, der Veranstalter. „An den zwei Tagen werden 160 bis 180 Leute springen“, schätzt er.
Entspannt und gut gelaunt schaut er den nervösen Besuchern entgegen. Klar – er ist ja auch ein alter Hase ist diesem Geschäft. Ich frage, ob schon einmal etwas schief gegangen sei bei einem Sprung. „Nein, Quatsch! Wir hatten noch nie einen tragischen Vorfall.“ Kleine Verspannungen im Kopf- und Nackenbereich seien möglich, je nach Körperspannung. Ich lache erleichtert auf. Kurz vor 19 Uhr werden mir die Gurte angelegt, vorher geht’s auf die Waage. Vorgeschrieben ist ein Sprunggewicht von 50 bis 160 Kilogramm. Na, immerhin das wird kein Problem.
Je länger du wartest...
Mit Fußfesseln und Gurten zwischen den Beinen, über den Schultern und am Rücken gekreuzt gehe ich aus dem Zelt. Neben dem „Landeplatz“ für die Springer steht ein großes blaues Luftkissen für eventuelle Notfälle. Weiter möchte ich darüber nicht nachdenken. Wenige Minuten später werde ich zur Gondel gewunken. Mein Puls beschleunigt sich, mein Atem geht schneller. Ich betrete die Gondel und zittere am ganzen Körper. „Stell dich mit deinen Füßen ganz an den Rand und halte dich mit deiner rechten Hand am Geländer fest“, sagt Mitarbeiter Jabin Kasprowicz. Ich spreche nicht mehr. Mein Mund ist trocken, mein Herz klopft so laut, dass ich sicher bin, dass er es auch hören kann. Ich klammere lieber mit beiden Händen. Mit jedem Meter, den die Gondel höher steigt, frage ich mich, was ich hier eigentlich tue. Wie bin ich mit meiner Höhenangst in diese Situation geraten?
Wir sind oben. Ich schaue mich um, wage einen Blick nach unten. Nein, die Aussicht kann ich gerade nicht genießen! Atmen! Atmen! Atmen! befehle ich mir. Mein Körper bebt. „Ich halte dich am Gurt in der Mitte des Rückens fest und du lässt deine Hände los. Dann nimmst du beide Hände nach oben und lässt dich nach vorne fallen“, höre ich Krasprowicz entfernt sagen. Der hat gut reden, denke ich. „Je länger du wartest, desto schlimmer wird es“. Na gut. Ich nehme all meinen Mut zusammen. Zwei… drei.. und lasse los.
