Oldenburg - „Hey Jungs, wovor habt ihr Angst? Das ist nur ein Freundschaftsspiel“, schreit Chefcoach Dario Fossi über den Platz und hat sich selbst kurz zuvor wenig freundschaftlich verhalten. In einer intensiven Auseinandersetzung mit auf der Tribüne gegen ihn pöbelnden Fans von Test-Gegner Kickers Emden zeigte der Coach des VfB Oldenburg am Dienstagabend ganz sicher etwas zu viel Mut zu einem verbalem Schlagabtausch – aber vielleicht auch die breite Brust, die er von seinen Fußballern an diesem Sonntag (15 Uhr, Marschwegstadion) im Landespokal-Halbfinale vor 500 Zuschauern gegen Regionalliga-Rivale BSV Rehden erwartet.
Angst frisst Fußballseele
Dass Angst anders als Respekt im Fußball nicht förderlich ist, wird wöchentlich tausendfach in die Blöcke beziehungsweise Smartphones der Sport-Journalisten diktiert. Und eine gewisse Angst war den Gästen beim 1:1 im Duell mit dem ostfriesischen Oberligisten nicht abzusprechen.
Vielleicht war’s die Angst vor einer Verletzung, nachdem sich Neu-VfBer Tobias Steffen beim Foul, das zum 1:0 per Elfmeter durch Nico Matern führte, laut Fossi wohl nun doch einen kompletten Abriss der Achillessehne zuzog. Vielleicht war’s die Angst vor den pöbelnden Kickers-Fans. Vielleicht war’s die Angst, etwas falsch zu machen und Fossi keine Argumente für einen Platz im Pokal-Team zu liefern.
Wahrscheinlich war’s von allem etwas. In jedem Fall fraß die Angst an diesem Abend die VfB-Fußballseele. Der letzte Härtetest war eine völlig misslungene Generalprobe.
Drama nach Türkei-Trip
„Das Spiel ist völlig egal –am Sonntag zählt’s“, sagt Mirko Schuster. Während seine Teamkollegen ängstlich um den Ausgleich bettelten und nach dem 1:1 in der 90. Minute auch das Ergebnis die Kläglichkeit dieses Abends unterstreichen sollte, stand der Innenverteidiger ganz entspannt an der Tribünenbegrenzung neben der VfB-Bank und dehnte alle Ängste, die hinter ihm über den Platz waberten, einfach weg.
Lange Narbe am Bein
„Gute Besserung“, hatte ihm ein Fan von der Tribüne zugerufen, als der 26-Jährige nach seiner Auswechslung in der Pause nicht ganz rund zur Bank marschiert war. „Es tut mir leid – ich laufe immer so“, entgegnete Schuster und redet wenig später leise von seiner wohl dramatischsten Lebensphase, in der er vor sechseinhalb Jahren mit dem Tod rang.
Im Trainingslager mit Zweitligist Karlsruher SC im Januar 2014 verletzte sich der Mannheimer kurz vor der Abreise aus der Türkei am rechten Oberschenkel. „Ich bin auf dem Rückflug innerlich fast verblutet und musste mehrmals notoperiert werden“, erzählt Schuster und deutet auf die lange Narbe, die unter der halblangen Trikothose hervorsticht.
Wiederholung erwünscht
Ob die Verletzung Grund für den leicht unrunden Gang ist, kann Schuster nicht sagen. „Vielleicht? Wahrscheinlich?“, sagt der Abwehrmann, der im ersten und aufgrund der Corona-Pause auch bisher einzigen Pflichtspiel im VfB-Trikot am 23. Februar defensiv überzeugte und auch gleich per Strafstoß traf.
Beim 3:1 im Ligaduell mit Rehden erzielte er sicher das 1:0 und würde so eine Leistung nun im Pokal natürlich gern wiederholen. Ohne Angst und verbal stark – es muss ja nicht so ausarten, wie bei Fossi und dem speziellen Klientel auf der Emder Tribüne.
Nach seiner Verletzung im Januar 2014 fasste Mirko Schuster erst in der folgenden Saison über das Oberliga-Team des Karlsruher SC wieder Fuß. Es folgten 17 Drittliga-Spiele für die SG Sonnenhof Großaspach und mehr als 60 in der Regionalliga Süd-West für TSV Steinbach Haiger und Heimatclub Waldhof Mannheim, ehe er nach einem missglückten Spanien-Wechsel im vergangenen Winter zum VfB kam.
Seinen Körper pflegt Mirko Schuster, neben dem am Sonntag wohl Leon Deichmann in der Abwehrzentrale agieren dürfte, mit Sorgfalt und Akribie. „Ich spiele ja nur Fußball. Anders als die meisten Jungs mache ich täglich zwei Einheiten“, erzählt der 26-Jährige, der vor der Kollektivarbeit individuelle Schichten fährt.
Mehr als deutlich wurde in Emden auch, wie die vielen jungen Spieler von Schusters Erfahrung profitieren können. Immer wieder nahm er speziell zum oft noch zu stürmischen Sturm-Talent Omar Kujabi (18) Kontakt auf. Wie auf dem Feld will der 26-Jährige abseits des Platzes seinen Führungsanspruch leben.
Gegen Rehden geht es um den Einzug ins Landespokal-Finale am nächsten Sonntag. Das Duell mit dem TSV Havelse würde ebenfalls am Marschweg stattfinden. Der Sieger erreicht die erste Runde des DFB-Pokals (11. bis 14. September) gegen Bundesligist Mainz 05.
