Oldenburg/Point Nemo - Boris Herrmann ist einer der bravsten Bürger, wenn es um die Kontaktbeschränkungen in der Corona-Pandemie geht – wenn auch eher unbeabsichtigt. Seit mehr als 50 Tagen hat der 39-Jährige aus Oldenburg niemanden getroffen. Seit dem 8. November segelt er allein auf der Hochgeschwindigkeits-Yacht „Sea Explorer“ bei der Weltumsegelungsregatta Vendée Globe über die Ozeane. Für viele Menschen ist das kaum vorstellbar – aber für viele war auch eine Welt, wie wir sie derzeit vorfinden, kaum vorstellbar. Herrmanns Leben auf einem winzigen Boot hat noch mehr Parallelen zu unserer Situation – nicht nur, weil es auch auf See Krisen zu meistern gibt.
Dinner for one
Ganz alleine – und auch ohne Butler James – muss Herrmann an diesem Donnerstag an seiner kleinen Silvestertafel Platz nehmen. Vielleicht stellt er sich dabei vier alte Freunde vor, ganz bestimmt denkt er an seine Frau Birte und seine kleine Tochter. Wegen der Kontaktbeschränkungen werden auch in Deutschland viele Menschen alleine – oder zumindest in kleinerer Runde als sonst – den Jahreswechsel verbringen. Den erlebt Herrmann übrigens später, da er die Datumsgrenze im Pazifik überquert hat und es bei ihm nun einige Stunden früher ist als in Deutschland. Auch Point Nemo – also den Punkt der Erde, der am weitesten vom nächsten Festland entfernt ist – hat er vor Kurzem passiert.
Fokus auf Gute Basis
Herrmann ist müde. Das erklärte er Anfang der Woche in seinem Videotagebuch. „Ich habe festgestellt, dass die Batterien ein bisschen leer waren. Ich musste etwas an den Segeln ändern, aber ich wusste nicht was. Ich habe ewig überlegt“, erzählte Herrmann: „Das ist das Zeichen dafür, dass der Geist nicht mehr scharf genug ist.“ Also hat er einen „großen Mittagsschlaf“ gemacht – eine Stunde. Das habe ihm ein befreundeter Mental-Trainer auch geraten. Außerdem: mehr essen – und weniger sorgen. „Das ist generell ein guter Tipp, für jeden“, betonte Herrmann (sicher auch für pandemie-müde Mitmenschen): „Weniger Sorgen machen. Und mehr schlafen.“
Kampf gegen Krise(n)
Herrmanns Reise beschert ihm im wahrsten Wortsinn Aufs und Abs und er wird täglich von hohen Wellen durchgerüttelt wie in einer Achterbahn. In der vergangenen Woche gab es aber auch eine richtige Flaute, und so ohne Wind geht es nicht vorwärts. Für einen Weltumsegler, noch dazu in einem Rennen, eine ganz schlechte Situation. Doch Herrmann sah’s gelassen: „Ich komme heute gut damit zurecht“, erklärte er in einem Video: „Ich lasse mich davon nicht stressen.“ Er wusste: Irgendwann geht es weiter. Also genoss er für einen Augenblick die Sonne und die Ruhe. Auch die Corona-Pandemie wird irgendwann vorbei sein. Solange können wir eben auch nur Mut bewahren und das Beste aus der Situation machen.
Blick nach vorne
Neben seinen kleinen seglerischen Krisen hat Herrmann eine weltweite im Blick: den Klimawandel. Seine Yacht sammelt während der Fahrt Daten, die Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt zur Verfügung gestellt werden, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Meere untersuchen zu können. Das Rennen gegen den Klimawandel ist eines, das wir gewinnen müssen, steht auf einem Mast der „Sea Explorer“. Und eines, das auch in Deutschland trotz – und vielleicht auch gerade wegen – Corona nicht vergessen werden darf.
