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Reportage Ein fast normales Studenten-Leben

OLDENBURG - Vorhand, Rückhand, Vorhand – Schuss. Auf zwei Beinprothesen steht Katja Babenko etwas steifer am Tisch in der Haareneschhalle als ihr Trainer. Den Schwung des linken Schlagarms gleicht sie mit dem Stumpf ihres rechten Arms aus.

Tim Woriescheck vom Oldenburger Turnerbund nimmt darauf keine Rücksicht, er sieht eine künftige ukrainische Nationalspielerin im Tischtennis vor sich. „Ja, gut!“, lobt er knapp, wenn die 21-Jährige den Ball in den Winkel schießt. Tim greift in die Schale mit den Bällen, spielt den nächsten auf dieselbe Stelle, immer im gleichen Rhythmus: Vorhand, Rückhand, Vorhand – Schuss.

Katja Babenko kam ohne linken Unterarm zur Welt. Die Großeltern der Ukrainerin haben erzählt, dass die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 die Ursache für ihre Missbildungen sei. Drei Wochen lang ist die Studentin in Oldenburg zu Gast. Sie besucht Eckehardt Disselberger, mit dem sie im Internet für ihr Studium Deutsch übt. Katja darf nicht nachlassen, im Oktober will sie bei den Para-Europameisterschaften in Split im Team der Ukraine antreten.

Geht es um eine Medaille? Mit einem Lachen rückt sie diesen Traum in die Ferne: eine blitzende Kostbarkeit, kaum zu greifen. „Noch nicht! Vielleicht in ein paar Jahren.“ Um Tschernobyl macht Katja Babenko nicht viele Worte. Wie soll sie erklären, worüber Fachleute bis heute streiten?

Ungeklärte Opferzahlen

Eine von ihnen ist Prof. Dr. Inge Schmitz-Feuerhake. Sie war 1973 bis 2000 Professorin für experimentelle Physik an der Universität Bremen und in den 90er Jahren Mitglied zweier Länderkommissionen zur Aufklärung des Leukämievorkommens beim Atomkraftwerk Krümmel. „Die offiziellen Opferzahlen, die von den Regierungen der meisten Industrienationen übernommen werden, entstammen dem Tschernobylforum der Vereinten Nationen“, sagt die 75-Jährige, die sich im Ruhestand als Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Strahlenschutz mit Fragen des Strahlenrisikos befasst. Im Jahr 2005 habe das Forum die insgesamt zu erwartenden Todesopfer mit höchstens 4000 beziffert.

Schmitz-Feuerhake zweifelt an diesen Zahlen. Das Forum gehe von der Annahme aus, dass außer Schilddrüsenkrebs keine Erkrankungen nachweisbar durch die Strahlung erzeugt worden sei. „Das steht in groteskem Widerspruch zu Erhebungen von Gesundheitsministerien in den betroffenen Ländern“, sagt Schmitz-Feuerhake. Sie verweist auf eine Veröffentlichung der New York Academy of Sciences von 2009, in der eine weltweit erzeugte Todeszahl von knapp 1 Million Menschen bis zum Jahr 2004 errechnet wurde. „Hinzu kommen Geburtsschäden, zahlreiche chronische Erkrankungen und Erbkrankheiten, die sich in die nächsten Generationen fortpflanzen“, sagt Schmitz-Feuerhake.

Kinder auf Rollbrettern

Ohne Fritz Kreuzer könnte Katja Babenko heute kaum an einer Tischtennisplatte stehen. Der Mann mit dem bayrischen Akzent ist kein Experte, aber er hat das Leid in der Ukraine gesehen. „Ich bin 1989 von Moskau bis an die Krim gereist, die medizinische Versorgung war katastrophal. Rollstühle gab es kaum, ich sah viele Kinder auf Rollbrettern“, erinnert sich der 91-jährige Münchner, der als Soldat 1941 die Schlacht von Stalingrad überlebte, um dann an der Front in Italien sein linkes Bein zu verlieren.

Gleich nach seiner Reise begann er, sich für die versehrten Kinder der Ukraine zu engagieren, besorgte Rollstühle, sammelte Geld. 1999 gründete er die Fritz-Kreuzer-Stiftung, die seit 2000 jährlich 12 bis 15 Kinder orthopädisch versorgt und inzwischen zwei orthopädische Werkstätten in Kiew unterhält. 2002 hat die Stiftung Katjas erste Prothesen bezahlt, bis 2007 wurde sie immer wieder von der Stiftung betreut.

Es ist der Tag nach dem Training, Katja Babenko lümmelt auf dem Sofa. Eckehardt Disselberger, ihr Oldenburger Gastgeber und Trainingsbegleiter, trägt Kaffee auf und stichelt über ihren Trainer Tim, der wie Katja 21 Jahre alt ist und ebenfalls studiert. „Die Chemie stimmt.“ Katja lächelt, lässt sich aber nur zu einem Lob auf das Training reizen. „Neue Elemente, das ist gut für mich“, sagt sie. Den Kaffee schlägt sie aus. „Der ist nicht gut für mein Herz.“

Was so viele Deutsche noch heute umtreibt, Menschen wie Inge Schmitz-Feuerhake oder Fritz Kreuzer, ist in diesem Wohnzimmer kaum der Rede wert. Disselberger hat nach seiner Bekanntschaft mit Katja viel gelesen über die Folgen von Tschernobyl. Aber er respektiert, dass Katja ihnen nicht mehr allzu viel von ihrer Zeit schenken möchte.

1986 war Katja noch nicht geboren, nur ihre Eltern lebten in Poltawa, etwa 450 Kilometer südöstlich von Tschernobyl entfernt. Was mögen ihre Eltern nach der Katastrophe erlebt haben? „Ich könnte erzählen, aber wie soll das gehen, auf Deutsch?“ Eckehardt Disselberger hat aus vielen Gesprächen mit Katja erfahren, dass ihre Eltern an Krebs gestorben sind, als sie nicht einmal zehn Jahre alt war. Sie lächelt, wenn sie an ihre Mutter, an ihren Vater denkt. „Ich erinnere mich“, sagt sie dann.

Keine Zeit für Fukushima

Später zog Katja als Waise zu ihren Großeltern nach Cherson, eine Hafenstadt nahe des Schwarzen Meeres. Wie war das, in Cherson in die Schule, zum Sport zu gehen? Katja staunt. „Ganz normal.“

Wie hat sie die atomare Katastrophe in Fukushima erlebt? „Davon höre ich wenig, ich lerne sehr viel und muss trainieren.“ Allenfalls höflich klingt es, wenn sie mit einem Blick auf ihre Armprothese fortfährt: „Es könnte auch in Japan solche Behinderungen geben.“ Katja hat große Ziele und wenig Zeit für Politik und Katastrophen – wie so viele andere Studenten auch.

Im August geht sie ins Trainingslager der ukrainischen Nationalmannschaft auf die Krim. Mehrere Wochen zwei Trainingseinheiten am Tag, dann entscheidet der Trainer, wer mit zur Europameisterschaft darf. „Ich glaube, ich habe gute Chancen“, sagt Katja. Deshalb opfert sie so viel Zeit fürs Training, deshalb lässt sie sich weder von Alkohol noch von Zigaretten verlocken. Für Zügellosigkeiten würde sie der Trainer aus dem Team werfen. Nichts wäre es mit der Medaille, wieder bliebe nur das Training: Vorhand, Rückhand, Vorhand – Schuss.

Nach ihrem Studium will Katja Übersetzerin bei einer großen Firma werden und viel Geld verdienen. „Dann könnte ich bei allen Turnieren antreten“, sagt sie und strahlt.

Timo Ebbers
Timo Ebbers Online-Redaktion (Ltg.)
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