Oldenburg - Der gelungene Versuch mit den Dressurreitern hatte die Turnierleitung am Samstagmorgen noch hoffnungsfroh gestimmt. Doch nur wenige Stunden später hatte die Realität den Agravis-Cup wieder eingeholt. Trotz einer Nachtschicht und umfangreicher Maßnahmen zur Verbesserung der Bodenbeschaffenheit in der großen EWE-Arena lehnte die Mehrzahl der Springreiter die Teilnahme an den internationalen S-Springen ab. „Für die schweren Prüfungen reicht das nicht. Das Risiko ist zu groß“, erläuterte Mario Stevens (Molbergen) die Bedenken seiner Kollegen, die reihenweise ihre Pferde von den Wettbewerben zurückzogen.
So gingen letztendlich noch 16 Paare (mehr als 40 hätten es sein können) am Samstagnachmittag die Große Tour der Springreiter mit einer klassischen Fehler-Zeit-Prüfung an. Der Parcours war ob der Boden-Problematik entschärft, auf enge Wendungen war weitgehend verzichtet worden. In Abwesenheit vieler abgereister Favoriten siegte Katharina von Essen (Münster) auf ihrer zehnjährigen braunen Stute Loona. Das Paar blieb fehlerfrei und absolvierte den Parcours in 54.03 Sekunden. Höhepunkt der Großen Tour der Springreiter ist an diesem Sonntag der Große Preis von Oldenburg (15:10 Uhr).
Nächtlicher Großeinsatz
Eggen, walzen, fräsen – pausenlos waren die Bodenbauer um ihren Chef Alexander Schmidt am Freitag und in der Nacht zu Samstag im Einsatz, um die Wettkampftauglichkeit der Sandböden in der großen EWE-Arena auf das für Spitzenpferde notwendige internationale Niveau zu bringen. „Es wurde praktisch durchgearbeitet. Insgesamt wurden zwölf Tonnen Kalk eingearbeitet, um den Böden die Feuchtigkeit zu entziehen und um Reitern und Pferden mehr Grip zu geben“, berichtet Niklas Droste, Geschäftsführer vom AGRAVIS-Cup-Veranstalter Escon-Marketing, von einem nächtlichen Großeinsatz.
Am Samstagvormittag schließlich wurde in Absprache mit den Springreitern ein umfangreicher Test in der Abreitehalle unternommen, mit dem Fazit, gegen Mittag in der großen Arena ein Warm-Up-Springen ohne offizielle Wertung zu wagen. „Das war wichtig, damit die Reiter und Pferde ein Gefühl für den jetzt gründlich überarbeiteten Boden bekamen“, erläuterte Droste. Gerade die Ecken eines Parcours, der Ein- und Ausritt gelten als neuralgische Punkte wissen die Fachleute. Wichtig war zudem für die Reiter und Reiterinnen bei diesem Test mit zehn Hindernissen, auch das Verhalten der Tiere bei den Landephasen noch einmal überprüfen zu können.
Skepsis in Sachen Boden überwiegt
Die meisten Springreiter honorierten zunächst die enormen Anstrengungen, die der Veranstalter seit dem Boden-Desaster vom Freitagmorgen unternommen hatte und räumten Turnierchef Kaspar Funke eine zweite Chance ein. „Hier ist viel gearbeitet worden. Ich bleibe erst einmal mit meinen vier Pferden hier“, meinte dann auch der Oldenburger Lokalmatador Mario Stevens. Doch die Skepsis bezüglich des Bodens überwog bei etlichen Reitern. Und so entschied auch Stevens nach einer erneuten Begutachtung des Parcours und der Abwägung des Risikos: „Ich packe meine Sachen. Ich hatte in diesem Jahr schon einmal Pech mit einer Verletzung. Das ist zwar blöd, aber ich will besser nichts riskieren.“
Zeitgleich zum Gespräch mit dieser Zeitung lichteten sich am frühen Samstagnachmittag die Reihen mit den schweren Pferdetransport-Lkw auf dem Parkplatz hinter der Arena. „Es macht keinen Sinn. Der Boden in der Arena geht ja, aber der auf dem Abreiteplatz überhaupt nicht. Das ist zu gefährlich für die Pferde“, begründete auch Frederic Tilmann vom Gut Neuhaus in Grevenbroich seine vorzeitige Abreise vom AGRAVIS-Cup. Zuvor hatten schon der Vorsitzende des Clubs deutscher Springreiter Jan Wernke (Holdorf) und André Thieme (Hoyerswerda) ihren Rückzug vom Oldenburger Hallenturnier erklärt.
Der Veranstalter hatte mit den Springreitern einen Kompromiss geschlossen und ihnen sämtliche Starts freigestellt. Wer das Verletzungsrisiko weiterhin als zu hoch einschätzte und sich in Folge dessen vom Turnier abmelden wollte, erhielt 50 Prozent seiner Nennungskosten erstattet.
