Hamburg/Oldenburg - Deutschland ist im Football-Fieber. Für die drei Spiele der US-Profiliga NFL in Frankfurt und München in den vergangenen zwei Jahren gab es 13 Millionen Ticketanfragen. Der Superbowl in der Nacht zu Montag (0.30 Uhr/RTL) wird in Deutschland angesichts der Fußball-EM im Sommer wohl nicht das TV-Event mit der höchsten Einschaltquote werden, aber mit Sicherheit den Bestwert für die Uhrzeit zwischen 0 und 5 Uhr morgens aufstellen. Auf der anderen Seite mussten in jüngster Zeit einige American-Football-Teams im Nordwesten die Segel streichen. Wie steht es also um die Etablierung des Sports in Deutschland?
Effekt nur kommerziell
„Football ist auf europäischer Ebene aus der Nische raus und im Mainstream angekommen“, sagte Patrick Esume jüngst auf der Sportbusiness-Messe Spobis in Hamburg angesichts der Erfolgszahlen der NFL, die seiner Aussage nach mit einem Spiel in Deutschland 50 Millionen Euro umsetzt. Außerdem sei auch die European League of Football (ELF), deren Gründer und Leiter Esume ist, nach drei Jahren etabliert. In Bezug auf Werbepartner sagte er: „2021 wollte uns keiner haben, jetzt können wir mit viel größeren Marken sprechen.“
An diesen Erfolgen der Sportart sowie vor allem der NFL trägt auch Esume seinen Teil bei. Der Hamburger repräsentiert den Sport, wie kaum ein anderer Deutscher. Zwar hat er nie selbst in der NFL gespielt, sondern „nur“ bei diversen Hamburger Teams – mit den Blue Devils gewann er dabei German Bowl und Eurobowl. Als Trainer war er aber kurz bei zwei NFL-Teams aktiv. Außerdem ist er seit 2015 als Kommentator und Experte im deutschen Fernsehen.
Vor allem stellt Esume aber einen „kommerziellen Impact“ fest, weniger einen sportlichen. „Der Effekt im Sport ist relativ überschaubar“, sagte der 50-Jährige. Zwar seien deutlich mehr Menschen in Football-Vereinen aktiv als vor ein paar Jahren (65 000), dennoch sei die Entwicklung enttäuschend.
Ausbildung fördern
Esume sieht mehrere Ansatzpunkte, um den Hype um die NFL in eine positive Entwicklung auf den Football-Feldern umzumünzen. Zum einen sollten die großen Firmen, die als Sponsoren auf den NFL-Zug aufspringen, auch auf den hiesigen Football gehen. „Da reden wir nicht von Millionenverträgen, sondern von Ausbildung“, betont Esume, dass auch ein überschaubarer Betrag Großes bewirken könnte. Auch die NFL sei hier gefragt, vor Ort Trainer auszubilden. Eine NFL-Akademie auf deutschem Boden mache für Esume absolut Sinn. In Nigeria, dem Heimatland von Esumes Vater, engagiere sich die NFL sehr, um dort gutes Spielerpotenzial zu entwickeln. In Europa sei das Engagement eher finanzieller Natur, das gibt es so in ganz Afrika nicht. Und das sei eine Gefahr, meint Esume: „Die Strahlkraft darf nicht bei den TV-Quoten stecken bleiben. Sonst ist das irgendwann ausgelutscht...“, sagt er und malt ein überspitztes Bild: „...wenn Taylor Swift graue Haare hat und auch kein Deutscher mehr in der NFL spielt.“
Damit spielt er auf die Freundin von Travis Kelce an, der mit den Kansas City Chiefs im Super Bowl in Las Vegas auf die San Francisco 49ers trifft. Swift ist ein mediales Riesenthema und hat durch ihre bloße Anwesenheit bei einigen NFL-Spielen der Liga einen geschätzten Werbewert von mehreren hundert Millionen Dollar beschert.
Football müsse ein Sport für jedermann werden, betont Esume. Er sieht dabei auch eine soziale Verantwortung bei NFL und ELF. „Unser Sport hat wie kein Zweiter die Chance, Kids aus sozialen Brennpunkten rauszuholen“, sagt er und verweist auf Frankreich, wo Football „fast ein Sozialprojekt“ sei.
(Flag-)Football für alle
In der Umsetzung setzt Esume dabei auf Flagfootball. „Das ist der neue heiße Scheiß“, sagte er. Bei der kontaktarmen Variante, die ab 2028 olympisch ist, wird der Ballträger nicht getackelt, sondern durch das Abreißen einer Flagge vom Gürtel gestoppt. „Football muss für jeden spielbar sein“, betonte Esume mit Blick auf viele Interessierte, die auf das Tackeln wenig Lust haben, und ergänzt: „Flagfootball kannst du überall spielen, auch auf dem Schulhof. Das macht unseren Sport divers.“ Es brauche in der Hinsicht mehr Arbeit bei den Verbänden sowie ein großes Flagfootball-Turnier in Deutschland. Und er hofft, das auch das im Fernsehen übertragen wird.
