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NWZonline.de Sport

Entfesselungskünstler Löw auf Analyse-Roadshow

23.08.2018

München (dpa) - Tricks im Stile des legendären Entfesselungskünstlers Harry Houdini braucht ein Joachim Löw auch in Krisenzeiten nicht.

Wenn der Bundestrainer am Freitag wenige Stunden vor dem Bundesliga-Start seine mit Spannung erwartete WM-Analyse in München vor dem DFB-Präsidium präsentiert, muss er trotz des blamablen WM-K.o. keinen Groll der Fußball-Eminenzen fürchten - und persönliche Konsequenzen sowieso nicht. Der Termin bei seinen Vorgesetzten ist für den 58-Jährigen ein Rapport ohne Risiko. Erst fünf Tage nach den Funktionären sollen dann die Fans erfahren, wie Löw die Nationalmannschaft wieder an die Weltspitze führen will.

Löws Krisensommer nahm nach der Maximal-Blamage in Russland einen erstaunlichen Verlauf. Praktisch unbeschadet hat er sich mit der simplen Taktik des langen Abtauchens aus der kniffligsten Lage seiner Ära erst einmal befreit - im Gegensatz zu anderen Protagonisten.

DFB-Chef Reinhard Grindel stand durch die Özil-Affäre plötzlich in der Rassismus-Ecke und DFB-Direktor Oliver Bierhoff schwächte sich und seine Position als Teammanager durch Zick-Zack-Aussagen in Interviews selbst. Öffentlich wird über weniger Kompetenzen für Bierhoff diskutiert und ein neuer Sportdirektor als Regulativ im Orbit Nationalmannschaft gefordert. Löw scheint weiter unantastbar.

Der entthronte Weltmeister-Coach Löw ging aus guter alter Tradition erst einmal in den Urlaub und agiert als Hauptverantwortlicher für das WM-Scheitern bei der Aufarbeitung plötzlich sogar aus einer starken Position. "Wir brauchen wieder echte Spezialisten auf manchen Positionen", lautet eine der wenigen öffentlichen Aussagen des Bundestrainers. Am Dienstag hatte er vor den grundsätzlich kritischen Vertretern des Profifußballs referiert und einen Schulterschluss mit Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge und dessen Kollegen erreicht.

"Es muss uns wieder gelingen, wie in den Jahren zuvor, dass man unseren Spielern die Freude, den Spaß, die Leidenschaft für Deutschland zu spielen anmerkt - auf und neben dem Platz", hatte Löw bei einem seiner raren Auftritte nach der ersten Info-Veranstaltung vor dem DFB-Präsidium am 20. Juli gesagt. Wie das gelingen soll, ist unmittelbar vor dem Bundesliga-Beginn und zwei Wochen vor dem Länderspiel-Neustart gegen die Champions aus Frankreich weiter vage.

Eines scheint gewiss: Tabula rasa wird der Bundestrainer Löw nicht machen. Der DFB-Chefcoach sei kein Freund des Prinzips im Alten Rom, das Köpfe rollen müssten, heißt es aus dessen Umfeld. Verdiente Spieler oder Weggefährten öffentlichkeitswirksam zu opfern, würde nicht zu Löw passen. Den großen Umbruch wird es in der Nationalelf also nicht geben. Die Rücktritte des in der Erdogan-Affäre so sehr gekränkten Mesut Özil und des aus Altersgründen ausscheidenden Mario Gomez bleiben die bislang einzigen fixen Personalveränderungen.

Löw wird vor den Präsidiums-Funktionären in einem Münchner Hotel wieder eher konzeptionell, denn personell argumentieren. Bereits am Dienstag wurden nach dem Profi-Meeting die Schwerpunkte festgezurrt: Trainerausbildung und Nachwuchsförderung müssen auf den Prüfstand. "Da haben wir Sorge, schließlich müssen wir schon an die WM 2022 und die Europameisterschaften 2020 und 2024 denken", sagte Ligapräsident Reinhard Rauball, der als DFB-Vizepräsident am Freitag die Löw-Pläne binnen weniger Tage zum zweiten Mal präsentiert bekommt.

Löws WM-Analyse ist zu einer Art Roadshow für die Großkopferten geworden. Erst das Präsidium im Juli, dann die Proficlubs und nun wieder das Präsidium. Kein Würdenträger darf sich bei den WM-Aufräumarbeiten übergangen fühlen. Auch das offenbart den Zustand des deutschen Fußballs. Durch die diversen Einzeltermine ist die größte Wucht an Reform-Erwartungen jedenfalls schon verpufft, bevor Löw bei der Kaderbekanntgabe für die Länderspiele gegen Frankreich (6. September) und Peru (9. September) am kommenden Mittwoch ebenfalls die Öffentlichkeit informiert. Erst bei diesen Spielen wird es für Löw wirklich ernst. Weitere Niederlagen kann auch er sich auf Dauer nicht leisten.

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