Hamburg - Das 109. Pflichtspiel-Treffen der beiden größten Hamburger Clubs und alle Welt dachte, es ginge um den Aufstieg in die 1. Liga. Frei empfangbar für alle, gab der Sender Sky bekannt. Nach Jahren der pandemiebedingten Trostlosigkeit und damit ohne Flair erstmals wieder ein volles Volksparkstadion, ein Spiel auf Augenhöhe und mit vielversprechender Dramatik – dachte man. Die Vorfreude war deutlich zu spüren in der Hansestadt. Wer wird Stadtmeister, wer schafft den Aufstieg – vielleicht ja sogar beide Traditionsvereine.
Rolf „Rollo“ Fuhrmann ist TV-Journalist aus Aurich und langjähriger Kult-Reporter beim Bezahlsender Sky. Er bezieht für diese Zeitung regelmäßig Stellung zu aktuellen Themen des Fußballs.
Und nun? Sicher, der HSV hat noch beste Chancen auf den Aufstieg, nach den verpassten Möglichkeiten der letzten Spielzeiten, als es entweder nur zum vierten Platz reichte oder zuletzt, als man in der Relegation gegen Hertha scheiterte. Aber so langsam kommen bei vielen Fans nach den Ergebnissen der Rückrunde und der 0:2-Niederlage in Kaiserslautern Gedanken hoch, dass es wieder nicht reichen könnte. Ein Sieg gegen den ewigen Rivalen wäre zwar schön, aber eben auch nur ein Trostpflaster. Die Verzweiflung dürfte groß sein, es im fünften Versuch wieder nicht geschafft zu haben.
Anders die Lage beim FC St. Pauli. Nach der Hinrunde noch ganz tief im Zweitligakeller. Mit dem neuen Trainer Fabian Hürzeler in zehn Spielen der Rückrunde zehn Siege in Folge und plötzlich im möglichen Aufstiegsmodus. Mal ehrlich, diese Serie fand ich fast unheimlich und unbegreiflich. Wie konnte das sein? Ist da ein Zauberkünstler ans Millerntor gekommen? Wie hat der Coach aus einem Team lauter verunsicherter Einzelkämpfer eine selbstbewusste, spielerisch stark verbesserte und erfolgreiche Mannschaft gebildet? Klar, dass es irgendwann auch einen Dämpfer geben würde. Aber dass man ausgerechnet vor dem Derby gegen abstiegsbedrohte Braunschweiger zu Hause verliert, schmälert die Vorfreude dann doch. Wie habe ich mich auf Dramatik, Spannung und ein Fußballfeuerwerk gefreut. Nun ja, auch der Fußball ist kein Wunschkonzert. Und vielleicht dreht sich das Erwartbare dann doch wieder in das Unerwartete.
Dabei kommt mir mein allererstes Derby in den Kopf, das ich im Volksparkstadion erleben durfte. Nach St. Paulis Aufstieg 1977 in die Bundesliga spielte im September der große Favorit HSV gegen den Underdog vom Millerntor. Ich hatte mit nichts anderem gerechnet als einem klaren Sieg der Hausherren. Doch es kam alles anders, als sicher viele dachten. So überraschend wie verdient siegten die St. Paulianer mit 2:0. Vielleicht war es das Ereignis, das beide Fanlager wieder mobilisierte und zunehmende Rivalität auslöste, die leider nicht immer nur friedlich ausgetragen wurde. Mittlerweile hat sich die Szene etwas beruhigt. Gleichwohl ist die Zuversicht geblieben, dass es irgendwann auch wieder ein Hamburger Erstliga-Derby gibt. Für Stimmung dürften die 57 000 Fans auf jeden Fall sorgen – und wer weiß, ob es nicht wieder eine Überraschung gibt. In der Zweitligabilanz jedenfalls liegt der Kiez- Club mit 5:2 Siegen klar vorne. Den Sprung ins Oberhaus erwartet beim HSV eigentlich jeder, bei St. Pauli eher die wenigsten. Ernüchterung dürfte bei den Hamburger Fußballfans nur eintreten, wenn keiner der beiden Clubs aufsteigt. Ich finde, Hamburg hat mehr verdient als „nur“ 2. Bundesliga.
