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Inklusion Schule mit kleinen Hindernissen

Ellen Kranz

Bösel - Früh am Morgen, um 6.30 Uhr klingelt der Wecker von Anne Timmermann. Dann steht die neunjährige Grundschülerin aus dem Böseler Ortsteil Glaßdorf auf, um sich auf die Schule vorzubereiten. Soweit nichts Ungewöhnliches. Doch während andere Kinder den Schulweg zu Fuß, mit dem Fahrrad oder Schulbus meistern, wird Anne mit einem Taxi zur St.-Martin-Schule in Bösel gefahren.

„Sie hat eine Spina bifida und einen Hydrocephalus“, sagt Mutter Kerstin Timmermann. „Das bedeutet, dass Anne mit einem offenen Rücken und einem Wasserkopf zur Welt gekommen ist“, erklärt sie. „Der Rücken wurde nach der Geburt geschlossen und im Kopf hat sie einen Shunt.“ Außerdem habe ihre Tochter kein Schmerz- und Wärme- oder Kältegefühl abseits der Hüfte. Das Kurzzeitgedächtnis sei kaum vorhanden, zählt Kerstin Timmermann auf. Eine Gehbehinderung, die das Tragen von Schienen und Spezialschuhen erfordere, schränke Anne zusätzlich ein.

„Da ist das Taxi“, ruft die Drittklässlerin fröhlich und läuft zum parkenden Auto. Schnell verstauen ihre Mutter und der Taxifahrer ihren Ranzen. Gute fünf Minuten dauert der Schulweg, auf dem sich Anne munter mit dem Taxifahrer unterhält. Am Parkplatz wartet bereits Iris Gründing und empfängt die Schülerin. Die 36-jährige Heilerziehungspflegerin ist ihre Inklusions-Helferin.

Viel Ehrgeiz im Unterricht

Mit einem ziehbaren Schulranzen geht es über den Hof in das Klassenzimmer der Drittklässlerin. „Der ist super praktisch“, sagt die Neunjährige und setzt sich auf ihren Fensterplatz in der zweiten Reihe. Links neben ihr sitzt Iris Gründing, auf der rechten Seite Annes beste Freundin, Naomi Gottstein. „Wir sind die einzige dritte Klasse im Erdgeschoss. Nur ein Mal pro Woche haben die Schüler Musik im ersten Stock“, erzählt die Helferin aus Bösel.

In der ersten Stunde steht Deutsch bei Klassenlehrerin Jasmin Beneker an. Eine Lesestunde. Anne und Naomi stecken die Köpfe zusammen und kichern. Reihum lesen die Grundschüler jeweils einen Satz. Anne liest ihren Part fehlerfrei. Ein kurzer Blick zu Gründing folgt.

„Anne ist sehr ehrgeizig, braucht aber viel Sicherheit und Bestätigung, dass alles richtig ist“, sagt Gründing. Das wird während der anschließenden Partnerarbeit deutlich, Anne stellt viele Zwischenfragen. „Ich bin Annes Schatten“, sagt die Helferin, seit vergangenen Sommer begleite sie das Mädchen täglich durch die Schulzeit. Angestellt ist sie über das Deutsche Rote Kreuz. Der Landkreis habe 20 Wochenstunden genehmigt.

In der kleinen Pause läuft Anne zu einigen Klassenkameradinnen in der letzten Reihe. „Sie darf schon laufen, nur mit den Taschen müssen wir aufpassen“, meint Gründing. „Mit den Schienen kann Anne frei stehen – ohne muss sie sich anlehnen und schwankt“, so die 36-Jährige.

Laufen ohne Schienen

Schulleiterin Rita Schorling unterrichtet in der zweiten Stunde Mathematik. Nach kurzem Zögern fallen Anne die richtigen Ergebnisse ein. Kleine Sticheleien und viele Scherze mit Naomi zeigen: Anne wird von ihren Mitschülern akzeptiert und normal behandelt. „Anne ist ein sehr gutes Beispiel für gelungene Inklusion“, bestätigt Klassenlehrerin Beneker den Eindruck.

„Jetzt gehen wir zu meiner eigenen Toilette“, sagt Anne anfangs der ersten großen Pause. In dem behindertengerechten Raum nimmt Gründing ihr die Schienen vom Schienbein ab: So habe Anne mehr Bewegungsfreiheit und trainiere das freie Gehen. „Im Grunde ist es erstaunlich, dass sie überhaupt gehen kann“, bemerkt ihre Helferin.

Die Pause verbringen Anne und Gründing ein wenig abseits stehend auf dem Hof. Immer wieder kommen Mitschüler zum Reden zu ihnen. Kurz vor Pausenende setzt eine Angestellte der Sozialstation Anne einen Einmal-Katheter, da ihr Blasen- und Darmgefühl fehlt.

Glücklich und erschöpft

Im anschließenden Sportunterricht spielt die junge Glaßdorferin – nun ganz ohne Schiene und in knöchelhohen Turnschuhen – Frisbee mit ihrer Helferin. Das Fangspiel zum Auswärmen verlangt nach einer kurzen Pause für das fröhliche Mädchen. Doch bereits zum Gruppenspiel ist sie wieder bereit: Mit einem Softball sollen Kegel und Mitspieler abgeworfen werden. „Ich habe einmal fast einen Kegel abgeworfen“, freut sie sich – glücklich, aber erschöpft.

Die zweite große Pause verbringt die Neunjährige mit André Orloff, ihrem Klassenkameraden und besten Freund seit dem Kindergarten. „André ist ihr Beschützer“, meint Gründing. Mit Englisch endet der Schultag. „Ab zum Taxi!“, freut sich Anne, während Iris Gründing ihren Stuhl hochstellt.

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