Die Midsummer-Sail gilt mit rund 900 Seemeilen als längste und härteste Segelregatta in der Ostsee und führt vom südlichsten Punkt vor Wismar bis zum nördlichsten Punkt nach Töre in Schweden. Start ist traditionell am Mittsommertag und nach ihrem Sieg im Jahr 2021 war die Segeljacht „Black Maggy“ vom Wassersportverein Hooksiel auch in diesem Jahr wieder mit von der Partie. Gleich in der ersten Nacht gab es jedoch einen medizinischen Notfall an Bord der Favoritin. Eigner und Skipper Wolfram Heibeck und sein betroffener Co-Skipper Hendrik Busemann aus Oldenburg geben Eindrücke in die kritischen Stunden.

Am Mittwochmittag haben Sie sich zusammen mit 63 anderen Startern auf den Weg Richtung Norden gemacht. Sie konnten sich schnell auf eine gute Position absetzen. Was ist dann in der Nacht zu Donnerstag passiert?

Wolfram HeibeckNach einem schnellen Gennakergang im ersten Teilstück hat Hendrik sich in die Koje legen wollen. Davor hat er noch ein wenig gegessen und getrunken. Er kam dann aber schnell wieder an Deck und hat mir gesagt, dass seine Nase dicht ist und das Atmen schwerfällt. Sein Gesicht war sehr stark geschwollen.

Da war die Euphorie über den tollen Surf sicherlich schnell verflogen und die Gedanken rasten im Kopf. Was haben Sie in dem Moment unternommen?

Hendrik BusemannIch habe meinen Hals und auch mein Gesicht mit einem Handtuch gekühlt. Wir hatten ein Medikament gegen allergische Reaktionen an Bord, was ich genommen habe.

HeibeckWir haben den Kurs vor Arkona nach Sassnitz abgesetzt und ich habe mich mit dem MRCC in Bremen (Maritime Rescue Coordination Centre/Rettungsleitstelle auf See, Anmerkung d. Redaktion) in Verbindung gesetzt, um nach medizinischem Rat zu fragen.

Die Rettungsleitstelle auf See funktioniert ja anders als die an Land, denn man muss abwägen, welche Schritte folgen und ob eine Rettung vom Wasser oder aus der Luft erfolgen soll. Welche Entscheidung haben Sie getroffen?

HeibeckMein Plan war es, nach Sassnitz abzubiegen und dort einen Arzt am Hafen zu haben, der Hendrik dann medizinisch versorgt. Nach der Frage des Arztes am Telefon nach unserer Position entschied er aufgrund der Distanz nach Sassnitz, sofort einen Notarzt mit dem Hubschrauber zu schicken. Ein Abseilen des Notarztes hätte nicht funktioniert, denn es war Nacht und der Wellengang und die Bewegungen im Schiff waren zu stark. Deshalb wurde zusätzlich der Rettungskreuzer „Harro Koebke“ alarmiert und ist aus Sassnitz ausgelaufen, um uns entgegenzukommen.

Herr Busemann, was haben Sie getan, während Herr Heibeck die Rettungsaktion koordinierte?

BusemannIch war unter Deck und habe von alledem am wenigsten mitbekommen.

Was geschah dann?

HeibeckWir haben uns mit dem Rettungskreuzer direkt hinter der Steilküste von Arkona im Wind- und Wellenschatten getroffen. Der Rettungshubschrauber brachte den Notarzt und den Notfallsanitäter an Bord der „Harro Koebke“ und dann mit dem Tochterboot „Notarius“ zu uns.

BusemannDer Arzt hat so eine Ruhe ausgestrahlt und den Ablauf ganz klar erklärt. Ich bin dann mit dem Tochterboot auf den Rettungskreuzer zur Erstversorgung gebracht worden. Am Hafen wartete dann der Hubschrauber, der mich sofort ins Krankenhaus geflogen hat. Wolfram ist dann alleine mit „Black Maggy“ nach Sassnitz gefahren.

Konnten Sie denn schon feststellen, was der Auslöser war?

BusemannNein, es müssen umfangreiche Tests folgen.

Haben denn umliegende Schiffe oder die anderen Teilnehmenden von dem medizinischen Notfall etwas mitbekommen?

HeibeckDa war ja niemand – es war stockfinster! Lediglich ein anderer Teilnehmer hat den Notverkehr auf UKW-Funk mitgehört. Alle anderen haben erst im Nachhinein davon erfahren.

Hat dieser Notfall für Sie Auswirkungen auf die Vorbereitung von kommenden Regatten?

HeibeckWir haben an Kursen „Überleben auf See“ und „Erste Hilfe auf See“ teilgenommen. Das können wir nur jedem empfehlen!

Haben Sie je eine Sekunde daran gedacht, das Rennen wieder aufzunehmen und der Flotte nach Töre zu folgen?

HeibeckNein, das Rennen war für uns gelaufen. Wir haben danach in den Urlaubsmodus umgeschaltet.

Nach der Regatta ist vor der Regatta: 2021 hat „Black Maggy“ die sechste Auflage der Midsummer-Sail gewonnen und galt somit als Topfavoritin. Wollen Sie im nächsten Jahr nochmal starten?

Busemann und HeibeckDas wissen wir noch nicht.