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NWZonline.de Sport

Sommermärchen wartet auf Fortsetzung

04.06.2016

Berlin Auf einmal war Schwarz-Rot-Gold überall. Lange war den Deutschen die eigene Flagge außerhalb des Fußballstadions eher peinlich. Das änderte sich im Juni 2006 zur Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land. Da gab es nicht nur Fahnen, sondern auch Überzieher für den Autorückspiegel, Bratwurstpackungen, Schminke, Blumenketten und sogar Pickelhauben aus Plastik in den deutschen Farben.

Ein neuer Nationalismus? So verkopft wollten das die Fans nicht sehen. Für sie war es eine riesige Party bei bestem Sommerwetter, passend zum WM-Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“. Das Ausland war baff: Die Deutschen sind ja gar nicht so ernst. Der französische „L“Express“ sprach von einem „Woodstock des Sports“.

Heute sieht das alles etwas anders aus. Nach dem FIFA-Korruptionsskandal von 2015 legte sich ein Schatten über die WM in Deutschland: War das Sommermärchen gekauft? Und die deutsche Fahne – die weht heute wieder bei ausländerfeindlichen Demos.

2006 war das noch weit weg. Nach dem Mauerfall 1989 wurde die WM zum ersten kollektiven Rausch für Ost und West. Dass die Sportfreunde Stiller nicht richtig singen können, störte keinen. Ihre Hymne „“54, “74, „90, 2006“ wurde ein Ohrwurm, aus dem „Deutschlaaaaand“-Grölen das lustige „Schland“. Es gab sogar Fußballmuffel, die nach den Spielzeiten der Deutschen lebten. Nach der WM fiel mancher in ein Loch.

Dabei hatte es zunächst nicht gut ausgesehen. Die Eröffnungsgala von André Heller im Berliner Olympiastadion wurde abgesagt – angeblich aus Sorge um den Rasen. Das Maskottchen Goleo - ein komischer Löwe ohne Hose. Dann aber spielte die deutsche Mannschaft überraschend gut. 31 Tage dauerte das Sommermärchen, das Sönke Wortmann in einer Kinodoku festhielt.

Damals war Jürgen Klinsmann noch der Trainer und Jogi Löw der Kompagnon, der „högschte“ Konzentration von den Fußballern forderte. Die Deutschen schafften zwar nur Platz 3. Aber das WM-Fieber war überall, nicht nur an der Jubelzentrale am Brandenburger Tor.

Millionen Fans feierten, vor den Großleinwänden ein einziges Fahnenmeer. 50 000 zogen nach dem letzten deutschen Spiel mitten in der Nacht zum Mannschaftshotel in Stuttgart. Seit 2006 weiß jeder, was eine „Fanmeile“ und „Public Viewing“ sind: Fußballgucken im Rudel mit viel Bier.

Die Stars waren jung, im Playstationalter. Philipp Lahm schoss bei der WM am 9. Juni 2006 das erste deutsche Tor, beim 4:2 gegen Costa Rica. Miroslav Klose bejubelte seine Turniertreffer mit einem Salto, Bastian Schweinsteiger war noch „Schweini“. Michael Ballack weinte nach dem Aus gegen Italien bitterlich. Unvergessen ist auch der Spickzettel von Torwart Jens Lehmann, der ihm beim Elfmeterschießen gegen Argentinien half.

Der hängt heute im Haus der Geschichte in Bonn. „Das ist einfach eine Ikone geworden“, sagt Sammlungsleiter Dietmar Preißler. Interessant ist der Zettel für das Museum nicht wegen seiner (eher geringen) sportlichen Bedeutung, sondern weil er zur Medienstory wurde. Auch ein Goleo-Kostüm und Fanartikel sind ins Museum gewandert.

Aber welche Rolle hat das Sommermärchen in der deutschen Geschichte? Für den Bremer Sozialwissenschaftler Klaus Boehnke (Jacobs University) war die WM 2006 nicht so wichtig wie die Jahre davor, in denen Deutschland Weltmeister wurde. Das Gefühl von 1954 beschreibt er so: „Es gibt nicht nur Niederlagen, es ist nicht alles schlecht an uns.“ 1990 sei die WM in gewisser Weise „die Ouvertüre zur staatlichen Vereinigung“ gewesen.

Selbst die WM 1974 hatte aus seiner Sicht eine höhere Bedeutung als das Sommermärchen. Damals zeigte sich eine „erwachsene Bundesrepublik Deutschland“, so Boehnke. Diese konnte problemlos und souverän mit ihrer Niederlage gegen die DDR umgehen. Die WM 2006 sei vor allem ein Signal nach innen gewesen: „Wir haben die Krise überwunden, die Zeit, in der Deutschland als Schlusslicht in Europa galt, ist vorbei.“

Die in den USA lebende Germanistin Carola Daffner beobachtete, wie damals mit Klischees und märchenhaften Elementen ein „imaginäres Deutschland“ fabriziert wurde. Über Wortmanns Doku hat sie einen Aufsatz geschrieben. Die heutigen Bewegungen von Pegida und AfD sieht Daffner sehr kritisch. „Schade ist auch, dass es nun für junge Deutsche wieder sehr schwierig ist, sich mit der eigenen kulturellen Identität auseinanderzusetzen, weil man sofort eine gewisse Gesinnung unterstellt bekommen wird.“

Aktuell geht es wieder öfter um Fußball und Integration. In der deutschen Nationalmannschaft spielen einige Spieler mit ausländischen Wurzeln. Und auch ein Moslem: Mesut Özil ließ sich in Pilger-Kleidung vor dem islamischen Heiligtum in Mekka ablichten.

Der stellvertretende AfD-Vorsitzende Alexander Gauland bekam wegen seiner Äußerung über Jérôme Boateng Ärger. Anhänger der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung zogen über Jugendfotos der deutschen Nationalspieler auf der Kinderschokolade her. Vielleicht wandert diese Packung einmal ins Museum.

Wie Medien und Forscher abseits des Sports auf die am 10. Juni startende Europameisterschaft in Frankreich blicken werden? Vielleicht werden sie beobachten, ob auch die Flüchtlinge im Land Fußball gucken. Oder ob das Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ heute noch passt. Eine andere Frage wird der Schland-Faktor sein: Wie viel Spaß haben die Deutschen noch mit Schwarz-Rot-Gold? Im Supermarkt wartet jedenfalls schon die Chipstüte, mit der Aufschrift „Sommer Märchen“ für 1,79 Euro.

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