Elsfleth/Lemwerder - Im Boxsport war es einst in Stein gemeißelt: Sie kehren niemals zurück – They never come back. Gemeint waren die Schwergewichtsweltmeister, die ihren Titel verloren. Floyd Patterson ließ diese Weisheit kalt: Er holte sich den Gürtel 1960 im Rückkampf gegen Ingemar Johansson als Erster zurück. Im Sport ist nichts unmöglich. Silvia Muchow kann das bestätigen. Die 45-jährige Läuferin der SG akquinet Lemwerder lacht gerne – aber wenn sie über die Zeit spricht, in der sie ein schwerer Bandscheibenvorfall außer Gefecht setzte, verschwindet ihre Fröhlichkeit für einen kurzen Moment. „Damals dachte ich, dass ich nie wieder richtig laufen kann“, sagt sie. Doch sie irrte sich. Damals war 2011. An diesem Sonntag läuft die Elsfletherin in München ihren ersten Marathon. Silvia Muchow ist zurückgekehrt.

Läufer sind Kämpfer: Sie kämpfen gegen die Uhr, gegen ihre Konkurrenten auf der Strecke – und auch gegen sich selbst. Das letzte dieser Duelle hat Silvia Muchow überzeugend gewonnen. Dazu nutzte sie einen kleinen Trick. In ihrer Küche hing ein Foto – es zeigt sie während eines Wettkampfs in Bremerhaven. „Ich habe mir gesagt: Da willst du wieder hin.“ Und sie schaffte es – mit Kampfgeist, aber auch mit einer veränderten Einstellung. Sie sei viel gelassener geworden, sagt sie.

2012 ist sie vom SV Brake nach Lemwerder gewechselt. Schon damals sei sie über die zehn Kilometer ordentliche Zeiten gelaufen, obwohl der Trainingsaufwand minimal gewesen sei. Doch mit dem Schritt nach Lemwerder erhöhte sich das Pensum. Mittlerweile trainiert sie täglich. „Anfangs habe ich versucht, das zu boykottieren“, sagt sie. Aber sie stellte sich um – dank ihres Trainers Karl Spieler. „Karl ist hart – aber herzlich. Er hat es mit seinem psychologischen Geschick hingekriegt – wie genau, weiß ich allerdings nicht.“

Silvia Muchow läuft wie viele ihrer Vereinskameraden pro Woche mindestens rund 100 Kilometer, „unabhängig davon, ob wir für einen Marathon trainieren oder nicht“. Sie bedauere es, dass viele Menschen gar nicht wissen, wie viel Läufer in ihren Sport investieren. „Manchmal laufe ich 36 Kilometer – und dann geht’s zum Spätdienst.“ Sie arbeitet als Erzieherin in Bremen mit geistig behinderten Erwachsenen. Auch dazu braucht sie Kraft.

Sie täuscht erst gar nicht vor, perfekt zu sein: Manchmal bleibe zu Hause auch was liegen, sagt sie. „Es geht nur, wenn man Unterstützung kriegt.“ Und die bekommt sie von ihrem Mann Bernd und ihrer 15-jährigen Tochter Benita, obwohl beide ihr dann und wann zu verstehen geben, dass sie ihren Trainingseifer für völlig übertrieben halten. Silvia Muchow lacht. „Sie können das nicht nachvollziehen.“

Wenn sie nicht gerade in Lemwerder trainiert, läuft sie am liebsten in Oberhammelwarden am Deich und am Elsflether Yachthafen entlang – eine Zwölf-Kilometer-Runde. Dort hat sie sich auf den Marathon in München vorbereitet, obwohl sie sich eigentlich vorgenommen hatte, nie mehr als 30 Kilometer zu laufen. Doch irgendwann hätten die langen Läufe immer mehr Spaß gemacht. Ihr Trainingspartner Alexander Wahner aus Brake habe ihr empfohlen, es einfach zu probieren. Als sie dann auch noch ein Kollege – ein erfahrener Marathonläufer – gewarnt habe, dass sie es bereuen würde, nie einen Marathon gelaufen zu sein, habe sie sich dazu entschieden, die Herausforderung anzunehmen. „Das war ein Schlüsselerlebnis.“

Der Ofener Herbstlauf vergangene Woche über zehn Kilometer war der letzte Härtetest. „Doch da war ich ein Totalausfall“, sagt sie. Die Saison mit 15 Wettkämpfen habe Spuren hinterlassen. Aber es war eine erfolgreiche Saison. In Löningen lief sie den Halbmarathon in 1:34 Stunden. In Osnabrück gewann sie die Vize-Landesmeisterschaft über 5000 Meter in der Altersklasse W 45 in 20:50 Minuten. Auch bei den Norddeutschen belegte sie Rang zwei. Dabei verbesserte sie sich auf 20:35 Minuten – die Qualifikation zur Deutschen Meisterschaft verpasste sie um fünf Sekunden. „Ich habe gar nicht damit gerechnet, so schnell laufen zu können“, sagt sie. Wieder mal hatte sie sich selbst überrascht. Der zweite Platz in der Bestenliste des Niedersächsischen Landesverbands über die 3000 Meter (12:20 Minuten) ist kein Zufall: Der Name Silvia Muchow steht sechs Mal auf der Landesbestenliste.

Am Sonntag soll der siebte Eintrag hinzukommen. Aber der Lauf in Ofen hat ihre Erinnerung aufgefrischt. „Ich weiß, dass ich locker bleiben muss. Das ist mein erster Marathon – und den will ich auch genießen.“