Große Höhe - Der kleine Klick, dem das lautlose Gleiten folgt – der wirke noch lange nach. Ilse Lewerenz, Rehabilitationslehrerin für Blinde und Sehbehinderte beim Hamburger Sehgeschädigten-Institut IRIS, begleitet seit mehr als 20 Jahren Kinder und Jugendliche bei ihrem ersten Segelflug und weiß, dass die Erfahrung der Leichtigkeit nach dem Ausklinken des Windenseils in den Blinden und schwer Sehbehinderten etwas ganz Besonderes auslöst.
„Das ist Emotion pur! Auch stille Kinder fangen plötzlich an zu johlen und zu klatschen“, bestätigte Peter Bogdan, Mitglied des Luftsportvereins Delmenhorst und Organisator einer Aktion, die seit 24 Jahren jährlich auf dem Segelflugplatz Große Höhe stattfindet. Acht blinde und sehende Kinder und Jugendliche aus dem gesamten Bundesgebiet, die derzeit im Freizeitheim Hohenböken ein Mobilitätstraining absolvieren, durften am Sonnabend mit den Segelfliegern abheben.
In zwei Flugzeugen parallel ging es für die Mädchen und Jungen im Alter von neun bis 17 Jahren in rund 400 Meter Höhe – stets begleitet durch die Kommentare der erfahrenen Piloten des Vereins. „Ab dem Schließen der Haube reden wir nonstop“, erklärte Peter Bogdan das Vorgehen. Es sei ganz entscheidend, den jungen Co-Piloten die Geräusche des Flugzeugs und des Windes zu erklären, damit zu keinem Zeitpunkt Verunsicherung aufkommt.
Sogar einen kurzen Moment der Schwerelosigkeit durften die Gäste erfahren – wenn sie denn wollten. Die 14-jährige Mervre wollte. Lachend bejahte sie bei der Einweisung am Boden Bogdans Frage, ob Pilot Rüdiger Raber eine kleine Parabel fliegen solle. Übelkeit, so erklärte Bogdan, sei in 24 Jahren noch bei keinem der blinden Kinder ein Thema gewesen.
Keine Langeweile kam unterdessen am Boden auf. Mit Unterstützung von Vereinsmitgliedern durften die Kinder die Traktoren zum Bodentransport der Flugzeuge über den Platz steuern. „Das kommt bei einigen noch besser an als das Fliegen“, berichtete Bogdan.
Schwierigkeiten, genügend Mitglieder für die jährliche Aktion zu mobilisieren, hat Bogdan nie. „Ich habe die Crew sofort zusammen“, berichtete er. „Wir haben einen Mordsspaß mit den Kindern. Was sie uns durch ihre Begeisterung zurückgeben, kann man nicht in Worte fassen.“
