Friesoythe/Hamburg - Mit der großen sportlichen Karriere hatte Tabea Themann eigentlich schon abgeschlossen. Doch seit anderthalb Jahren läuft es für die 30-Jährige aus Friesoythe (Kreis Cloppenburg) wie am Schnürchen.
Traum 1: DM in Berlin
Im vergangenen Jahr erfüllte sie sich mit dem 5000-Meter-Finale bei der Deutschen Meisterschaft im Berliner Olympiastadion einen Traum und zauberte eine aufsehenerregende Bestzeit im Marathon auf die Straße. In Zahlen: 6. Platz bei der DM, 8. Platz in der deutschen Marathon-Bestenliste. Ein steiler Aufstieg – der an den Beginn ihrer Laufkarriere beim SV Molbergen vor 13 Jahren Jahren erinnert.
In 18 Monaten von fast null bis in die deutsche Spitze – das kennt Tabea Themann bereits. Nachdem sie in der Jugend Fußball und Tennis spielte, fing sie erst mit 17 Jahren mit der Leichtathletik an. Trainer Gustav Müller vom SV Molbergen erkannte ihr Talent – und nur anderthalb Jahre später lief sie die 800 Meter in 2:09 Minuten und stand im Bundeskader. Nun ist die Friesoytherin auf der Marathondistanz erneut eine Spätzünderin mit steilem Aufstieg.
Traum 2: 2:33 Stunden
„Das ist wirklich verrückt. Ich fasse es selber noch nicht so ganz, was ich so gerannt bin“, sagt Themann, die in Hamburg lebt und als Kriminalkommissarin arbeitet. Anfang Dezember steigerte sie ihre Marathon-Bestzeit in Valencia auf 2:33:51 Stunden. Das bedeutet 3:39 Minuten pro Kilometer, 42,195 mal. „Im Ziel bin ich sofort in Tränen ausgebrochen, war total überwältigt. Ich habe zehn Minuten geheult“, erzählt die 30-Jährige.
Die Leidenszeit
Für diese Glücksmomente waren Opfer nötig gewesen. Zum Einen das Training morgens vor oder abends nach der Arbeit, bei Wind und Wetter – meistens alleine. „Da ist sehr viel Wille, Motivation und Organisation erforderlich“, sagt Themann. Dazu hat sie sich vor dem Marathon so gut es ging isoliert. Bloß nicht noch mit Corona anstecken, war die Devise. „Ich hätte es keine Woche länger ausgehalten, immer alleine zu trainieren“, gibt die fröhliche Friesoytherin zu. Auch der Körper muss mitmachen – das tat er jahrelang nicht. Nach einem Trauerfall in der Familie und einer Borreliose-Erkrankung im Jahr 2017 geriet die Laufbahn des früheren Mittelstreckentalents ins Stocken. „Mein Körper war ganz komisch. Ich wusste gar nicht, was los war. Ich musste auf dem Weg in den fünften Stock auf der Treppe manchmal Pause machen“, erzählt Themann. Mal konnte sie zwei Monate trainieren, dann wieder nicht. Bis vor zwei Jahren ihr Arzt einen drastischen Schritt verordnete: Vier Wochen intravenös Antibiotikum. „Danach war ich ein paar Monate völlig hinüber“, sagt Themann – aber: „Im Mai 2021 war plötzlich alles anders. Da habe ich mich bei einem Dauerlauf richtig gut gefühlt.“
Traum 3: Flagstaff
Es änderte sich alles. Im November 2021, lief sie den Marathon in Barcelona schon unter 2:50 Stunden. Sie suchte sich einen Trainer, den Hamburger Nils Goerke. Im Frühjahr 2022 scheiterte sie beim Hamburg-Marathon nur knapp an der 2:40-Stunden-Marke. Nach dem „Ausflug“ zurück auf die Tartanbahn und zum DM-Finale in Berlin im Juni erfüllte sie sich einen weiteren Traum: Ein Trainingslager in Flagstaff im US-Bundesstaat Arizona, um Grundlagen aufzubauen für den Marathon in Valencia. „Das ist eine schnelle Strecke, das wusste ich“, sagt Themann. Sie ahnte aber nicht, dass die letzten Einheiten vor Tag X in der Heimat in Hamburg so gut liefen, dass Coach Goerke die Zielzeit von 2:40 auf 2:35 Stunden schraubte. „Ich dachte: Oh Gott, ist das schnell“, gab Themann zu. Doch es lief von vorn bis hinten, den letzten Kilometer rannte sie in 3:12 Minuten.
Traum 4: Kenia
Nun hat Themann die Chance, mit der Trainingsgruppe des früheren Langstrecken-Bundestrainers Wolfgang Heinig ein Trainingslager in Kenia zu absolvieren. Auch ein Besuch des ostafrikanischen Landes gehört schon lange zu ihren Läuferinnenträumen. Ihr Ziel für 2023: die 2:30-Stunden-Marke unterbieten. „Das beste Marathon-Alter kommt ja jetzt“, betont die 30-Jährige leicht schmunzelnd. „Aber ich mache mich nicht verrückt, ich versuche, locker zu bleiben“, sagt Themann. Wichtig sei Konstanz und gesundbleiben. Und der Spaß darf auch nicht fehlen. „Es macht mir große Freude, ich bin sehr gespannt auf 2023“, betont sie. Mit einer großen Marathon-Karriere hat sie auf jeden Fall noch nicht abgeschlossen.
