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Behinderung Tauchen und Skifahren trotz Lähmung

Lars Laue

Oldenburg - 4. September 1995: Die damals 20-jährige Tina Würtz verabschiedet sich bei ihren Eltern in Oldenburg und steigt in ihren silbernen VW Golf I. Auf der Landstraße zwischen Kirchhatten und Wildeshausen (Landkreis Oldenburg) will sie in Höhe Aschenstedt einen Bus überholen. "Scheiß Kaninchen“, sagt sie später im Krankenhaus immer wieder. Sie kann sich an nichts erinnern. Vermutlich wollte sie beim Überholen einem Kaninchen ausweichen. Fest steht, dass sie mit ihrem Golf von der Straße abkam, in einen Graben rutschte, ihr Auto sich überschlug und schließlich von einem Baum gestoppt wurde.

Sie verlor bei dem Unfall keinen einzigen Tropfen Blut, aber sie erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und ihr sechster, siebter und achter Brustwirbel wurden zertrümmert. Das bedeutet: Sie ist querschnittsgelähmt, spürt ab der Brust abwärts „gar nichts mehr“. Die gelernte Köchin wollte damals zu ihrer gerade neuen Arbeitsstelle im Gut Altona in Dötlingen (Landkreis Oldenburg) fahren.

Krankenhaus statt Küche

Doch statt in der Küche landete Tina Würtz im Krankenhaus, lag dreieinhalb Wochen im Koma und verbrachte insgesamt neun Monate und zehn Tage in einer Spezialklinik der Berufsgenossenschaft in Duisburg. Da der Unfall auf dem Weg zur Arbeit passierte, war sie über die Berufsgenossenschaft abgesichert.

Die finanzielle Absicherung ist an diesem Scheideweg das eine. Doch vor dem psychischen Absturz bewahrt das nicht. Tina Würtz, sie ist heute 38, stand vor der Wahl: Entweder in Selbstmitleid verfallen und den Kopf in den Sand stecken oder das Beste aus der schockierenden Diagnose machen, sich durchbeißen, Spaß am Leben haben. Sie entschied sich für den zweiten Weg und stellte schnell fest: „Ganz wichtig ist halt, sich von anderen auch helfen zu lassen. Sonst geht es nicht.“

Tina Würtz lässt sich helfen und demnach geht bei ihr so einiges. Sie fährt Hand-Bike, spielt Rollstuhl-Basketball, fährt mit ihrem behindertengerecht umgebauten VW-Bus zu Freunden und zum Wochenmarkt und sie geht sogar tauchen und fährt Ski.

Eltern unterstützen

Wie das geht? Tina Würtz hat nicht nur einen starken Willen und einen großen Lebensmut, sondern auch Eltern an ihrer Seite, die sie unterstützen und vor allem auch ihre sportlichen Aktivitäten fördern. So war der Tüftlersinn von Vater Günther Würtz gefragt, als Tina samt Rollstuhl bei ihrer Schwester im Engadin, der größten Schweizer Wintersportregion, Skifahren wollte. Ein Mono-Ski kam bei der Bewegungsunfähigkeit seiner Tochter nicht in Frage. Also zog sich Günther Würtz, der als Betriebshandwerker im Oldenburger Pius-Hospital gearbeitet hat, in seine Werkstatt zurück. Er nahm ein Paar alte Skier, eine alte Dachhalterung für einen Auto-Fahrradträger, eine kaputte Baumschere vom Nachbarn als Griffe sowie etwas Alu und Eisen mit. Heraus kam ein Rollstuhl-Ski, der querschnittsgelähmten Menschen auf einfache Art Pistenerlebnisse ermöglicht. In der Wohnung testete Würtz seine Erfindung zum ersten Mal: Da sich der Rollstuhl-Ski auf dem Teppich gut schieben ließ, buchte die Familie den Winterurlaub. Im Engadin zeigte sich dann, dass der Rollstuhl-Ski die Anforderungen erfüllt. Mit dem Sessellift, an dem der Rollstuhl befestigt war, ging es hinauf ins Skigebiet.

Rollstuhl-Ski funktioniert

Auf schneebedeckten Wanderwegen und Schlittenpisten fuhr Tina Würtz mühelos herunter. Auch die Piste im Snow-Dome in Bispingen ist sie mit ihrem Rollstuhl schon hinuntergesaust. „Das macht echt total Spaß“, sagt die 38-Jährige und fügt lächelnd hinzu: „Die anderen haben die Arbeit, und ich habe meinen Spaß.“ Dieser scherzhaft ausgesprochene Satz hat es in sich. Denn er macht deutlich, dass Tina Würtz gerade bei solchen Aktivitäten verstärkt auf Hilfe angewiesen ist. „Ohne andere komme ich nicht klar“, gibt die Querschnittsgelähmte zu und weiß: „Das ist oftmals das Problem. Viele in meiner Situation wollen sich nicht eingestehen, dass sie ohne andere nicht zurechtkommen. Aber wenn man das erstmal eingesehen hat und Hilfe zulässt, dann kann man auch mit einer Behinderung ganz viel erleben und vor allem richtig viel Spaß haben.“ Richtig viel Spaß hat Tina Würtz auch beim Tauchen. Ein Schnuppertauchkurs im Urlaub im Kurhotel „Mar y Sol“ auf Teneriffa brachte sie auf den Geschmack. Über einen Lift gelangte sie in den Pool und vom Schnupperkurs kam sie später an die Tauchschule „Aqua Marina“.

Zutrauliche Schildkröten

Mittlerweile taucht Tina Würtz im Atlantik, zwischen Tellerrochen und Barrakudas und sagt: „Im Wasser bin ich frei.“ Nicht nur weil es Futter gibt, sind besonders Schildkröten ihr gegenüber sehr zutraulich. „Das liegt wohl daran, dass Schildkröten beim Tauchen auch nur die Arme beziehungsweise Vorderbeine bewegen“ , vermutet Tina Würtz. Sie muss alles mit den Händen regulieren. Die fehlenden Beinbewegungen gleicht sie durch Armbewegungen mit speziellen Aquahandschuhen an den Händen aus. Um im offenen Meer im Atlantik vor Teneriffa tauchen zu können, muss Tina Würtz vom Rollstuhl ins Wasser getragen werden. Hilfe benötigt sie beim Abtauchen, weil ihre Beine einem extremen Auftrieb ausgesetzt sind. Unter Wasser sind aus Sicherheitsgründen stets zwei Begleitpersonen erforderlich. „Einmal habe ich mit den Füßen am Grund festgehangen, es aber nicht gemerkt, weil ja kein Gefühl im Unterkörper vorhanden ist“, erzählt sie von einem Erlebnis, das nicht ganz ungefährlich war. Einmal mehr brauchte sie Hilfe – und hat sie zugelassen.

Tauchschein gemacht

Auch beim Tauchen spielt ihr Vater eine Rolle. Er hat sich mitreißen lassen und gemeinsam mit seiner Tochter einen internationalen Tauchschein gemacht. Tauchen, Skifahren, Basketball, Wochenmarkt, Freunde treffen, und, und, und – Tina Würtz hat sich nicht unterkriegen lassen, sondern ist nach ihrem Unfall noch mal richtig durchgestartet. „Das wünsche ich auch anderen in meiner Situation. Wichtig ist einfach, sich nicht einzuigeln, sondern trotz allem Spaß und Freude am Leben zu haben“, sagt die 38-Jährige.

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