Oldenburg/Ingolstadt - Dass der VfB Oldenburg im Frühling 2023 tief im Abstiegskampf der 3. Liga steckt, bestätigt eine seit Jahren gängige Annahme: Aufsteiger aus dem Norden haben es in der Drittklassigkeit äußerst schwer.
Der VfB, der sich an diesem Samstag (14 Uhr) beim FC Ingolstadt nach zuletzt drei Niederlagen in Serie nach einem Erfolgserlebnis sehnt, setzt möglicherweise eine unrühmliche Serie fort. Neulinge, die es aus der Regionalliga Nord in die bundesweit ausgerichtete 3. Liga schafften, gingen in den vergangenen Jahren nämlich prompt wieder runter. 2022 musste der 2021 aufgestiegene TSV Havelse die Liga direkt wieder verlassen, ein Jahr zuvor war das – bei gleicher Verweildauer in der 3. Liga – beim VfB Lübeck der Fall gewesen. Der bislang letzte Aufsteiger aus dem Norden, der die Klasse hielt, war der SV Meppen. Das Fußballteam aus dem Emsland schaffte 2017 den Aufstieg und ist bis heute Drittligist, als Schlusslicht droht allerdings in diesem Jahr der Abstieg.
Lübeck vor Aufstieg
2018 und 2019 gab es keine Aufsteiger aus der Regionalliga Nord. Die jeweiligen Meister scheiterten bereits in den Aufstiegsspielen an den Meistern anderer Regionalliga-Staffeln. 2018 hatte Weiche Flensburg gegen Energie Cottbus (Regionalliga Nordost) das Nachsehen, 2019 verlor der VfL Wolfsburg II den Vergleich mit Bayern München II (Regionalliga Bayern). Der TSV Havelse wiederum hatte 2021 diesen Weg erfolgreich beschritten und sich gegen den 1. FC Schweinfurt (Regionalliga Bayern) durchgesetzt Zur Erklärung: Die Nord-Meister steigen in manchen Jahren direkt auf, in anderen Jahren sind Aufstiegsspiele gegen andere Staffelmeister nötig – so setzte sich der VfB Oldenburg im vergangenen Jahr als Nord-Primus gegen Nordost-Meister Dynamo Berlin durch. In der laufenden Saison wird der Nord-Meister (der VfB Lübeck führt die Tabelle souverän an) wieder direkt aufsteigen.
Oldenburgs Gegner FC Ingolstadt hatte jüngst den Trainer gewechselt und den freigestellten Guerino Capretti durch Michael Köllner (zuletzt 1860 München) ersetzt. Unter Köllners Regie gelang am vergangenen Wochenende ein 3:0-Erfolg beim SV Meppen. Es war bei den Ingolstädtern bereits der zweite Trainerwechsel in dieser Saison, erst im Januar hatte Capretti die Nachfolge von Rüdiger Rehm angetreten. Die Wechsel zeigen, dass der FCI mit dem bisherigen Saisonverlauf unzufrieden ist. 2022 war das Team aus der 2. Bundesliga abgestiegen, der Wiederaufstieg ist aufgrund der aktuellen Platzierung im unteren Mittelfeld aber kein Thema. Bester Torschütze des Teams ist Ex-Werder-Spieler Pascal Testroet (8 Tore), der am vergangenen Wochenende aber nicht im Kader stand, nun aber zurückkehren soll. Neben dem FCI gibt es in Ingolstadt (140 000 Einwohner) derzeit eine zweite Mannschaft, auf die Sportinteressierte schauen: Der ERC Ingolstadt kämpft in diesen Tagen in der Finalserie der Deutschen Eishockey Liga gegen den EHC München um die deutsche Meisterschaft.
Dass Nordclubs mit leichten Wettbewerbsnachteilen in die 3. Liga aufsteigen, wurde in der Corona-Zeit an anderer Stelle sichtbar. So wurde der Spielbetrieb in der Regionalliga Nord damals zur Eindämmung der Pandemie eingestellt. Anders war das in der Regionalliga West: Dort gelten die Vereine durchweg als Proficlubs, die Spieler gehen in der 4. Liga also ihrer Vollzeitarbeit nach. Daher durfte dort – unter Ausschluss der Fans – weitergespielt werden, im Norden war das nicht der Fall. Dort wurde teilweise den Regionalligisten sogar das Training verboten, genau wie es in den unteren Amateurklassen und im Jugendbereich geschah. Ein Aufstieg von der Regionalliga in die 3. Liga stellt für Nordclubs einen Sprung vom Halb- zum Vollprofitum dar – das ist ein gewaltiger Schritt. In anderen Regionalliga-Staffeln ist dieses Vollprofitum, wenn auch mit geringeren Umsätzen als in der 3. Liga, bereits vorhanden.
Niedriger Wert im Norden
Der Wettbewerbsnachteil des Nordens lässt sich mit Zahlen belegen. Das Portal „Transfermarkt.de“ notiert die Marktwerte aller Regionalliga-Spieler. In der Regionalliga Nord kommt in der aktuellen Spielzeit für alle 19 Clubs zusammen die Summe von 30,6 Millionen Euro heraus. Die Regionalliga West erreicht mit einer Mannschaft weniger (18) eine drei Millionen Euro höhere Summe (33,6 Mio.). In der Regionalliga Bayern (20 Mannschaften) sind es gar 39,2 Millionen Euro, in der Regionalliga Südwest (18 Teams) stolze 37,8 Millionen Euro. Und auch die Regionalliga Nordost (18 Teams) kommt mit 32,7 Millionen Euro noch auf eine höhere Summe als der Norden. Das alles verdeutlicht: Nordclubs haben strukturelle und wirtschaftliche Nachteile, wenn sie den Sprung von der Viert- in die Drittklassigkeit schaffen.
Ein Punkt als Minimalziel
VfB-Trainer Fuat Kilic wird all das nicht interessieren, wenn er an diesem Samstag mit den Oldenburgern in Ingolstadt antritt. „Unser Ziel ist es, mindestens einen Punkt mitzunehmen“, sagte er am Freitagnachmittag nach dem Abschlusstraining vor Ort. Bereits am frühen Morgen war der VfB mit dem Zug in Richtung Süden aufgebrochen. Im Tor der Oldenburger wird vermutlich erneut Felix Dornebusch stehen. Der hatte am vergangenen Wochenende bei der 1:2-Niederlage gegen den SV Wehen Wiesbaden sein Saisondebüt gefeiert, Sebastian Mielitz nahm auf der Bank Platz.
VfB-Stürmer Patrick Hasenhüttl aus Österreich hat eine enge Bindung an den Gegner FC Ingolstadt. Der Vater des Angreifers, Ralph Hasenhüttl, arbeitete von 2013 bis 2016 als Trainer beim FCI und führte die Mannschaft 2015 sogar in die Bundesliga. Dort schaffte er den Klassenerhalt und wechselte 2016 zu RB Leipzig. Am Ende der Saison 2016/17 stieg Ingolstadt wieder ab. 2015/16 spielte Patrick Hasenhüttl in der A-Jugend der Ingolstädter. Danach verpasste er aber den Sprung in die Profimannschaft und spielte drei Jahre für die zweite Herrenmannschaft des Clubs in der Regionalliga Bayern. 2019 wechselte er dann zu Türkgücü München. In Marc Stendera (2020 - 2022) hat ein weiterer VfB-Spieler eine Ingolstädter Vergangenheit.
