Oldenburg - Kaffee kochen? Blätter kopieren? Listen lochen? Nein, das wäre nichts für André Wichmann. Der 13-Jährige bevorzugt in seinem mehrwöchigen Praktikum bei der DLRG am Kleinen Bornhorster See da schon eher andere Aufgaben wie Wunden versorgen und Leben retten – wenngleich auch nur in der Theorie. Für einen Rettungsschwimmer ist er nämlich noch viel zu jung. Leider, findet auch der Vorstand der Ortsgruppe Oldenburg. Und das hat mehrere Gründe.
Erstens: Die lokalen Rettungsschwimmer haben enorme Nachwuchsprobleme. Und zweitens: André ist pfiffig, robust, besonnen – und kann hervorragend schwimmen. Alles Eigenschaften, die einen angehenden Retter auszeichnen. Und die wichtigste noch dazu: André will.
Nun gibt es da jedoch gewisse Auflagen, um die André und die DLRG nicht umhin kommen. Erst mit 15 Jahren ist man frühestens fachlich für diesen Job qualifiziert – sofern man das wichtigste Ausbildungsprogramm (DLRG-Silber-Rettungsschwimmerabzeichen) bis dato durchlaufen hat. Darauf muss André noch zwei Jahre warten. Dennoch ist der junge Mann bei allen Aufgaben, die der DLRG-Wachdienst am See leistet, mit dabei. Schaut den erfahrenen Rettern über die Schulter, wie sie Wespenstiche versorgen, Glasscherben aus Fußsohlen entfernen und wackelige Kreisläufe wieder stärken. Unter anderem.
„Zugucken und lernen“, sagt DLRG-Vorsitzender Jochen Meyer da, „aber im Notfall müsste und könnte auch er schon Leben retten.“ Meyer sagt das durchaus mit Stolz, schließlich gibt es nicht allzu viele, die so motiviert sind wie André. Der ist somit auch Premieren-Praktikant der DLRG hier am See. Zwei, drei weitere junge Leute werden ihm wohl noch in diesem Sommer folgen. „Wir möchten diesen Weg nun gehen“, so Hartmut Engler, Meyers Stellvertreter. Und das scheint auch nötig. Denn bis zu „zwei Stunden täglich“ müsse man schon mal telefonieren, um alle Kräfte für den Wachdienst zusammen zu bekommen. „Lückenfüllerei“ sei das – und wahrlich nicht leicht. „Es gab schon bessere Zeiten“, meint Engler, auch, weil Jugendliche früher engagierter waren, Verantwortung nicht scheuten.
Dass die DLRG hier und jetzt den Schritt wagt und Jungpraktikanten ins Boot holt, gleicht einer Investition in die Zukunft. „Sie sollen hier vor allem Spaß haben“, sagt Meyer – dazu diene auch das neue Rettungskajak „Borni“. Darin fahren sie auf dem See umher, üben sich in der Kontrolle dessen und genießen die Zeit überdies. Außerdem ist „Rettungsschwimmer“ ja auch nicht die schlechteste Visitenkarte. „Ja, damit kann man schon mal angeben“, spaßt André. Dass ihm dieses Amt später nur wenig einbringt, stört ihn jetzt noch nicht. 6,50 Euro Aufwandsentschädigung pro Stunde als ausgebildeter Retter? Nicht viel, zumal das Wetter auch keine verlässlichen Arbeitstermine vorausschickt. „Es ist schwierig für uns“, so Wachdienstler Thomas Scheufen, „wir sind einerseits Dienstleister, von dem Qualität eingefordert wird, andererseits arbeiten wir ehrenamtlich.“
Und so sind junge Leute wie André – die freiwillig und mit Freude den Badebereich aufräumen, den See beobachten, sich theoretisch vorbereiten, Übungen absolvieren und tatsächlich bloß „Wasserträger“ sind – eben nicht lästig, sondern echte Hoffnungsträger. Für die DLRG, aber auch für all die Badegäste am See. In spätestens zwei Jahren („Ganz sicher!“) macht er seinen Silber-Schein, dann darf er auch selber ran. In der Praxis. Wenn er dann noch will.
