Strücklingen - Der jüngste Tanz ist lange her: Abtanzball, 9. Klasse, in einem zu großen Anzug habe ich damals zu Walzer und Disco-Fox meine Abendbegleitung mehr oder weniger geschickt über das Parkett geleitet. Das ist nun schon fast zehn Jahre her.
Dementsprechend unsicher klopfe ich am Montagabend an die Tür des Pfarrheims in Strücklingen, um bei der Volkstanzgruppe Saterland meine Probestunde zu beginnen. Elfriede Deeken, Leiterin der Gruppe und seit über 40 Jahren Mitglied, nimmt mir aber gleich die Angst: „Wir fangen mit ganz leichten Tänzen an. Die kriegen auch Anfänger hin.“
Deeken zeigt mir die Schrittfolgen des „Let’m go“, eines Gemeinschaftstanzes mit Partnerwechsel. Erst ein paar Drehungen mit der Tanzpartnerin, dann geht es in die „Windmühle“, bei der sich vier Personen an den Armen festhalten und im Kreis drehen. Dann schnell die nächste Tanzpartnerin erwischen und das Spiel beginnt von vorne. Klingt einfach, ist es eigentlich auch, aber man sollte lieber nicht aus dem Rhythmus kommen, sonst schafft man den Wechsel nicht.
Fehler sind erlaubt
Ich schaue mich kurz um: Die anderen Mitglieder der Volkstanzgruppe schweben geradezu übers Parkett und beweisen ein gutes Gefühl für die Musik. „Die einfachen Gemeinschaftstänze üben wir kaum ein. Die haben alle im Blut“, sagt Deeken.
Meine wechselnden Tanzpartnerinnen verzeihen mir zum Glück jeden falschen Schritt und helfen mir, wenn ich wieder einmal durcheinander komme. „Keine Sorge, wir haben alle einmal angefangen“, sagt Hannelore Wagner, die bereits seit über 20 Jahren dabei ist. „Auch Profis machen Fehler. Hier wird keiner angemeckert. Wir haben eine tolle Gemeinschaft.“
An diesem Abend haben sich 16 Tanzfreunde im Pfarrheim eingefunden, insgesamt hat der Verein 26 Mitglieder. Seit über 45 Jahren besteht die Gruppe. Von 20.30 bis 22 Uhr wird jeden Montag im Pfarrheim Strücklingen zu flotten Melodien getanzt. Traditionelle Volkstänze, die aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert überliefert wurden, werden eingeübt.
Nach meinen ersten Gehversuchen beim „Let’m go“ steht der „Tampet“, ein Gesellschaftstanz aus dem 18. Jahrhundert, an. Erst bilden vier Paare einen Kreis und gehen 16 Schritte vor und zurück. Darauf folgen Platzwechsel im Galoppsprung und Kreuztritt, bevor es in die wohlbekannte „Windmühle“ geht. Mein Kopf raucht vor Konzentration auf die Figuren, links und rechts rauschen Frauen und Männer an mir vorbei – und ich greife mir die falsche Tanzpartnerin. Aber viel Zeit zum Ärgern bleibt nicht, schließlich geht die Musik weiter und ich bilde mir ein, dass das ohnehin (fast) keiner gemerkt hat.
Komplizierte Figuren
Spätestens beim „Gay Gordons“ und beim „Great Atlantic“ schwinge ich immer geschickter die Hüften. Einige Figuren kenne ich nämlich bereits von den beiden vorherigen Tänzen. Der Weg zum Fred Astaire des Volkstanzes ist nicht mehr weit, denke ich.
Zumindest so lange, bis ich eine kurze Pause einlege und die Volkstänzer in meiner Abwesenheit mit dem „Trip to Bavaria“ beginnen. Auf den ersten Blick kann ich den Figuren nicht mehr folgen. Kreuz und quer fliegen die Tänzer aneinander vorbei, alle paar Takte gibt es Partner- und Figurenwechsel. Deeken stellt fest: „Das ist ein Tanz für Fortgeschrittene. Damit der sitzt, proben wir mehrere Monate.“ Mit Erfolg: Jedes Jahr treten die „Botschafter des Saterlandes“ bei der Europeade, dem größten europäischen Trachtenspektakel, auf.
„Wir sind eine tolle Truppe. Leider mangelt es ein wenig am Nachwuchs. Volkstanz wird bei Jugendlichen im osteuropäischen Raum stärker gefördert als hier“, erklärt Deeken.
Großen Spaß machen die traditionellen Tänze jedenfalls, davon konnte ich mich aus erster Hand überzeugen lassen. Und als ich auf dem Weg nach Hause merke, wie sich in meinen Beinen ein Muskelkater ankündigt, ist klar: Volkstanz hält sowohl Körper als auch Geist fit.
