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NWZonline.de Sport

Skisprung-Märchen: Eisenbichlers Weg war "nicht geteert"

24.02.2019

Innsbruck (dpa) - Mit der so ersehnten Goldmedaille um den Hals ging Markus Eisenbichler sein ganzes Sportlerleben durch den Kopf. Die zahllosen verpatzten Flüge und die vielen schmerzhaften Rückschläge waren beim neuen Skisprung-Weltmeister plötzlich wieder präsent.

"Ich habe die ganzen Enttäuschungen rausgeschrien", sagte der Bayer. Und wenn man Enttäuschungen wirklich herausschreien kann, dann dürfte bei Eisenbichler die aktive Karriere aufgearbeitet sein: Er brüllte erst im Auslauf, dann mit Freund und Silber-Gewinner Karl Geiger, er brüllte auf dem Siegerpodest und dann nochmal besonders laut und angsteinflößend auf der Medals Plaza in Seefeld.

Dass ein Athlet ohne einen Weltcup-Sieg plötzlich Weltmeister wird, passt zu dieser unberechenbaren Sportart. Doch bei dem früheren Eishockey-Spieler aus dem Chiemgau liegt der Fall anders. Schon seit Monaten lobt Trainer Werner Schuster ihn als seinen begabtesten  Athleten. Und nun, am Bergisel im Innsbruck, war der Bayer auch mental bereit für den großen Wurf. "Wir sind einfach harte Arbeiter. Wir haben Tiefschläge erleben müssen. Ich glaube, da kommt man stärker raus", sagte Eisenbichler über sich und Zimmerkollege  Geiger, nachdem das Duo den ersten deutschen WM-Doppelerfolg seit Martin Schmitt und Sven Hannawald im Jahr 1999 eingefahren hat.

Seinen hochdekorierten Teamkollegen wie Andreas Wellinger und Richard Freitag war regelrecht ins Gesicht geschrieben, wie sehr sie dem ehrlichen Eisenbichler diesen Erfolg gönnen. Auch für Trainer Schuster war es ein besonderer Moment. "Bei ihm war die Straße nicht geteert, da waren immer Schlaglöcher drin. Da kann Deutschland stolz sein, so einen Sportler zu haben, auch als Vorbild", sagte der Österreicher. Bundespolizist Eisenbichler ist einer, mit dem sich die Zuschauer identifizieren können. Er ist einer, der sich kindlich freuen kann und auch mal laut "Scheiße" ins Fernsehmikrofon ruft.

Manche seiner Sätze sind außerhalb Bayerns nur mit großer Mühe zu verstehen. "I mog da a dabei sei", hatte er, immer wieder Tränen der Rührung in den Augen, über Kollege Geiger gesagt. Der Oberstdorfer, der mit Silber ebenfalls den größten Erfolg seiner Laufbahn feierte, hatte seine Medaille unten schon sicher, erst dann sprang Eisenbichler.

Und wie! Nach einem Fabelflug auf 135,5 Meter war er dann "a dabei" bei der großen Siegesexplosion mit Blick auf die schneebedeckte Nordkette. Die Party endete abends zwar mit viel Stolz, wegen des Teamspringens am Sonntag aber nach einem Drink doch relativ zeitig.  Mitstreiter Freitag betonte gleich, dass die Feierlichkeiten höchstens aufgeschoben sind: "Wir werden den Zeitpunkt finden, wo er den einen oder anderen Kasten zahlen muss."

Der scheidende Trainer Schuster hat mit Eisenbichler viel erlebt. Vor einem Jahr nahm er den Siegsdorfer bei Olympia in Pyeongchang aus dem Team. Freitag, Wellinger, Geiger und Stephan Leyhe flogen mit Silber zurück, der aussortierte Eisenbichler ging leer aus und verdaute seinen Frust mit wilden Tänzen und einem Schuhplattler im Deutschen Haus. "Ich kenne kein so ein Stehaufmännchen wie ihn. Er hat so viele Niederlagen in seinem Leben eingesteckt. Er hat gesagt, ihr kriegt mich nicht klein und feiert mit der Mannschaft", berichtete Schuster über Eisenbichler. Was dann am Bergisel passierte, das war auch für den abgeklärten Trainer "ein kleines Märchen".

Mit martialischen Sprüchen wie "Sieg oder Sarg!" sowie "Pokal oder Spital!" hatte Eisenbichler zuletzt Aufsehen erregt. Als der erste  Sieg dann ausgerechnet in einem WM-Springen da war, war Eisenbichler doch relativ perplex. "Wie soll man das verdauen, wenn man noch nie gewonnen hat und auf einmal Weltmeister wird?", fragte er. Wichtig ist dem bodenständigen Athleten aber eines: "Ich bin trotzdem noch der Gleiche und da bin ich auch stolz drauf."

Der Medienrummel ist ihm sowieso lästig. Eisenbichler betont nach jedem Podestplatz und jeder großen Aufregung, dass er sich auf sein  Bett und seine Ruhe freut. Auch der Rummel der Großstadt ist ihm zu viel. Eisenbichler stapft gerne mit seinen Freunden auf Skiern durch den Schnee, fährt mit dem Rad in die Berge oder geht schwimmen, ganz alleine und zurückgezogen. Wenn die Saison Ende März vorbei ist, wird sich Eisenbichler freuen, wenn wieder Normalität einkehrt. Die Erinnerungen an den größten Tag seines Sportlerlebens kann er dann ganz alleine und mit Blick auf die herrliche Bergidylle genießen.

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