WESTERSTEDE - Längst wird die Boßelkugel auch international geworfen. Deutsche, Holländer und Iren tragen ihre eigene EM aus.

Von Wolfgang Runge

WESTERSTEDE - Auf Fremde wirkt es bizarr, wenn an der Nordseeküste eine Horde bunt gekleideter Menschen heißen Punsch trinkend und schwere Kugeln vor sich her werfend an den Deichen entlang und über Dorfstraßen zieht. Doch die Friesen frönen hier nur ihrem „Nationalsport“ Boßeln. Wie früher verkürzt man sich mit diesem Wettkampf die lange Winterzeit. Im Nordwesten gehört das Boßeln wie Kluntjes zum Tee: „Es ist ein geselliger Sport für junge und alte Menschen gleichermaßen“, sagt Jan Dirk Vogt aus Hollwege bei Westerstede (Kreis Ammerland). Der Vorsitzende des Friesischen Klootschießerverbandes vertritt rund 42 000 Mitglieder zwischen Weser und Ems.

Für die Unabhängigkeit liebenden Friesen ist Boßeln eine Freizeitbeschäftigung mit durchaus ernstem historischen Hintergrund. Für sie war es früher eine Art militärisches Training für die Dorfverteidigung. Sie besaßen keine Waffen und konnten sich daher gegen Seeräuber und andere Eindringlinge nur mit Steinen und wohlgezielten Lehmkugeln wehren. Beim Boßeln übte die „Bürgerwehr“ das Werfen. Entsprechend galt den friesischen Bauern früher die „Boßelfähigkeit“ ihrer Knechte als wichtiges Einstellungskriterium.

Heute ist „Wehrhaftigkeit“ in der Region nicht mehr vonnöten, und auch Urlaubsgäste spielen gerne mit. Beim Boßeln wird eine bis zu 800 Gramm schwere Holz-, Eisen-, Gummi- oder Kunststoffkugel möglichst weit nach vorn geschleudert. Dabei müssen die Werfer die Beschaffenheit der Strecke berücksichtigen, Gefälle, Kurven oder Spurrillen optimal ausnutzen, um möglichst weit zu werfen und zu verhindern, dass die Kugel im Graben landet.

Früher waren die Wettkämpfe noch ein Ereignis für das ganze Dorf. Daher spielen beim Boßeln auch heute noch die Zuschauer eine wichtige Rolle. „Bewaffnet“ mit dicken Stöcken, treiben sie ihre Mannschaft an. Dabei werden die Hölzer gegen einander geschlagen, um Beifall zu spenden. Zum „guten Ton“ gehört es auch, Würfe der eigenen Mannschaft und der Gegner lautstark zu kommentieren.

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war Boßeln ein reiner Männersport. Die traditionsbewussten Spieler wehrten sich vehement gegen die Zulassung von Frauen in ihren Verbänden. Erst in den 50er und 60er Jahren gründeten hartnäckige Ostfriesinnen eigene Gruppen. Mittlerweile ist das Frauen-Boßeln in den Vereinen fest integriert.

Seit 1969 gibt es außer den nationalen regelmäßig auch internationale Boßel-Meisterschaften. Damals wurden die International Bowl-Playing Association (IBA) gegründet und Wettkampfregeln für das Werfen nach friesischer, holländischer und irischer Art beschrieben. Heute messen sich Boßler alle vier Jahre bei Europameisterschaften – zuletzt 2004 in Westerstede.