WHV- und Nationalspieler über EM-Chancen
„Finalspiele spielt man nicht, man gewinnt sie“
Am Freitag, 26. Januar, treffen die deutschen Handballer auf Dänemark. Wie sind die Aussichten gegen den Weltmeister? Ehemalige WHV- und Nationalspieler über die Chancen der deutschen Mannschaft.
Jubel bei Bundestrainer Alfred Gislason und den Spielern der deutschen Handball-Nationalmannschaft: Bei der Heim-EM steht der Gastgeber im Halbfinale und trifft dort an diesem Freitagabend auf den favorisierten Weltmeister Dänemark.
dpa
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Wilhelmshaven/Köln -
Die deutschen Handballer haben ihr Ziel erreicht, stehen bei der Heim-EM trotz der (nur noch statistisch relevanten) 24:30-Niederlage gegen Kroatien wie erhofft im Halbfinale. Dort trifft das Team von Trainer Alfred Gislason an diesem Freitag (20.30 Uhr) in der Kölner Lanxess-Arena auf Dänemark. Das zweite Halbfinale (ab 17.45 Uhr) bestreiten Schweden und die bislang ungeschlagenen Franzosen. Wie sind die Aussichten für die DHB-Auswahl gegen den Weltmeister? Und gibt es am Ende tatsächlich Edelmetall für Spielmacher Juri Knorr & Co.? Im Gespräch mit dieser Zeitung schätzen die ehemaligen Nationalspieler Oliver Köhrmann, Jan Henrik Behrends, Johannes Bitter, Bennet Wiegert, Sven-Sören Christophersen und Klaus-Dieter Petersen die Chancen ein. Im Laufe ihrer langen Karrieren liefen alle sechs Spieler auch für den Wilhelmshavener HV auf.
Oliver Köhrmann, 17 Länderspiele für den DHB, von 1997 bis 2008 und 2013 bis 2016 beim WHV
Oliver Köhrmann, 17 Länderspiele für den DHB, von 1997 bis 2008 und 2013 bis 2016 beim WHV
Oliver Köhrmann meint: „Nach dem gelungenen Start ins Turnier und guten Leistungen in der Hauptrunde hat sich das deutsche Team den Halbfinaleinzug redlich verdient. Frankreich war einfach zu stark, das muss man anerkennen. Hier haben wir das Mannschaftsspiel aus meiner Sicht zu sehr vernachlässigt – genau wie beim Ausrutscher gegen Österreich. Hier hat uns außerdem auch der Favoriten-Druck deutlich zu schaffen gemacht. Die Jungs müssen lernen, damit umzugehen. Wir haben in diesem Jahr viele junge Spieler dabei. Dass da die internationale Erfahrung auf der Platte fehlt, ist klar. Für die Zukunft sehe ich die DHB-Auswahl aber sehr gut aufgestellt. Da müssen wir uns keine Sorgen machen. Eine Chance sehe ich gegen Dänemark ehrlich gesagt nicht. Dafür ist der Weltmeister zu gut besetzt, zu erfahren und auch zu abgezockt. Aber: Vielleicht hat die Niederlage gegen Slowenien in der Psyche ein paar Spuren hinterlassen, weil der zweite Anzug nicht wie erhofft passte. Trotzdem: Wenn wir mit der Bronzemedaille um den Hals aus dem Turnier gehen, haben wir das Optimum erreicht.“
Jan Henrik Behrends, 16 Länderspiele für den DHB, von 1997 bis 1999 und 2005 bis 2007 beim WHV
Jan Henrik Behrends, 16 Länderspiele für den DHB, von 1997 bis 1999 und 2005 bis 2007 beim WHV.
Jan Henrik Behrends meint: „Das Ziel Halbfinale ist erreicht. Da fragt dann auch keiner mehr, wie das genau zustande gekommen ist. Auf dem Papier haben wir gegen Dänemark eigentlich keine Chance, aber die Konstellation ist schon eine besondere. Wenn es gelingt, eine stabile Abwehr zu stellen und ein Andi Wolff eine weitere Gala-Vorstellung abliefert, könnte in Köln mit den Fans im Rücken auf jeden Fall was gehen. Aber Dänemark ist und bleibt der Favorit, weil sie auf allen Positionen einfach unglaublich stark besetzt sind. Die DHB-Auswahl hat ihre Hausaufgaben bis hierher gut gemacht. Kleinere oder größere Leistungsschwankungen muss man bei einer jungen Mannschaft einfach einkalkulieren. Als Linkshänder schaue ich natürlich gerne auf den rechten Rückraum: Hier kann aus meiner Sicht gerne etwas mehr kommen. Häfner müsste seiner Erfahrung mehr in die Waagschale werfen, Uscins ist aufgrund seiner Größe sicherlich kein Shooter und Lichtlein ist noch extrem jung – ihm gehört aber die Zukunft. Das Ziel ist erreicht, was jetzt kommt ist Bonus. Ich persönlich halte die Bronzemedaille für realistisch.“
Johannes „Jogi“ Bitter, 175 Länderspiele, Weltmeister 2007, in der Saison 2002/03 im Tor des WHV.
Johannes „Jogi“ Bitter, 175 Länderspiele, Weltmeister 2007, in der Saison 2002/03 im Tor des WHV.
Johannes „Jogi“ Bitter meint: „Keine Frage – die Dänen haben ein Weltklasse-Team und nicht von ungefähr im vergangenen Jahr in Stockholm das WM-Endspiel gegen Frankreich mit 34:29 gewonnen, immerhin der dritte WM-Titel in Folge. Trainer Nikolaj Jacobsen könnte vermutlich zwei Mannschaften bilden und auch das B-Team würde immer noch eine gute Rolle spielen. Aber ich habe in Hamburg das 25:28 der Dänen im bedeutungslosen Spiel gegen Slowenien gesehen und war auch in der Kabine. Da war die Stimmung nicht so toll – und auch Jacobsen war in der zweiten Halbzeit an der Seitenlinie ziemlich emotional. Deswegen sehe ich es auch etwas kritisch, wenn Spieler geschont werden, wie es die Dänen gleich mit drei Akteuren gemacht haben. Ein Bruch bei den Automatismen war da schon zu beobachten. Hans Lindberg von den Füchsen sah das aber als nicht so dramatisch an. Wir wollen den Titel holen, meinte er zu mir. Die deutsche Niederlage gegen Kroatien würde ich ähnlich einordnen. Vielleicht hat sie sogar einen positiven Effekt: Jetzt sind alle noch einmal richtig wach. So viele Fehler machen wir nicht nochmal.“
Bennet Wiegert, 5 Länderspiele, Meister und Champions-League-Sieger mit Magdeburg, 2004 bis 06 beim WHV
Bennet Wiegert, 5 Länderspiele, Meister und Champions-League-Sieger mit Magdeburg, 2004 bis 06 beim WHV
Bennet Wiegert meint: „Die Chancen des deutschen Teams im Halbfinale? Also grundsätzlich habe ich ja einen deutschen Pass. Aber ich weiß ja auch, wie die dänischen Spieler des SC Magdeburg, Michael Damgaard und Magnus Saugstrup, brennen. Die haben eine Mission. Wenn man mich also zwingen würde, mein Privatvermögen auf einen Sieger zu setzen, würde ich mich wohl eher für Dänemark entscheiden, die schon eine beeindruckende Breite und Tiefe im Kader haben. Unabhängig davon muss ich aber sagen – obwohl ich eher der Typ bin, für den das Glas halb leer ist: Lasst uns das positiv sehen. Deutschland im Halbfinale – das ist doch ein Riesenerfolg. Und wenn die Jungs dieses Spiel gegen Dänemark gewinnen, ist das 24:30 gegen Kroatien nur noch eine statistische Fußnote. Und noch eins: Die Geschichte von Köln ist mit Blick auf DHB- oder EHF-Endspiele eine, in der sich längst nicht immer die Favoriten durchsetzen. Würde ich etwas anders machen? Dazu äußere ich mich prinzipiell nicht. Dafür habe ich zu großen Respekt vor der Arbeit des Bundestrainers und bin zu weit weg.“
Sven-Sören Christophersen, 101 Länderspiele für Deutschland, 2008 für ein halbes Jahr auf Leihbasis beim WHV
Sven-Sören Christophersen, 101 Länderspiele für Deutschland, 2008 für ein halbes Jahr auf Leihbasis beim WHV
Sven-Sören Christophersen meint: „Ich habe drei von vier Halbfinalisten vor der EM richtig getippt. Zum Glück habe ich mich nicht bei Deutschland, sondern bei Schweden (anstelle von Norwegen) geirrt. Da habe ich mein Fan-Herz sprechen lassen und mich nicht mit Statistiken oder Wahrscheinlichkeiten beschäftigt. Die Konstellation vor dem letzten Hauptrunden-Spieltag war schon hart konstruiert, gleich drei Halbfinalisten haben zum Abschluss eine Niederlage kassiert – auch dadurch bedingt, dass sie schon vorher qualifiziert waren. Favoriten hin oder her: Für mich ist alles offen. Wir haben die Euphorie, die unser Sport braucht, bislang gut auf die Platte gebracht. Das wird auch am Freitag vor 20.000 Fans in Köln sicher nicht anders sein. Diese Atmosphäre kennen die Dänen noch gar nicht. Wenn wir eine stabile Abwehr stellen, die Torhüter früh ins Spiel bekommen und unsere Chancen besser nutzen, dann ist an einem Abend immer alles möglich. Aber: Dänemark hat eine unglaubliche Breite im Kader und gleich zwei fantastische Torhüter. Die Frische könnte am Ende den Unterschied ausmachen.“
Klaus-Dieter Petersen, THW-Nachwuchskoordinator, 340 Länderspiele, von 2008 bis 2010 Trainer beim WHV
Klaus-Dieter Petersen Nachwuchskoordinator THW Kiel
Klaus-Dieter Petersen meint: „Die Halbfinal-Paarungen sind für mich keine große Überraschung. Die Dänen und Franzosen hatte ich vorher schon auf dem Zettel, die Schweden sind immer eine Option – und für ein Gastgeberland gilt das wegen des Heimvorteils auch. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass wir gegen Dänemark trotz der Niederlagen 2023 beim Euro-Cup in Aalborg und Hamburg eine gute Chance haben, das Finale zu erreichen. Die Dänen wissen noch gar nicht, was da in Köln mit dieser Riesen-Handballbegeisterung auf sie zukommt. Ich bin mir sicher, dass wir ein schönes Spiel sehen werden. Was passieren kann, wenn die Möglichkeiten des Teams und die richtige Emotionalität mit einem guten Start in die Partie zusammenfallen, haben wir gegen Ungarn gesehen. Genau wie die Tatsache, dass auch andere Nationen wie Österreich oder Kroatien gute Torleute haben. Sehr gut gefallen hat mir bislang Julian Köster; er hat vielleicht den größten Schritt gemacht und kann ein entscheidender Spieler werden. Und noch ein Satz aus dem „Lehrbuch“: Finalspiele spielt man nicht, Finalspiele gewinnt man.“