Hude - „Das ist aber kein passendes Outfit“, sagt Heike Wolgast und mustert mich von oben bis unten. Dabei habe ich extra meine langen, schwarzen Lederstiefel angezogen und bis eben habe ich mich auch noch wohl gefühlt. Wie ein richtiges Pferdemädchen eben. Das Leben ist kein Ponyhof. Oder doch? „Egal“, sage ich deshalb schnell. Ich folge der Wüstingerin in die Dunkelheit, um es herauszufinden.
Stubbe ohne Schnauzer
Unter meinen Füßen raschelt das Heu. Und als sich meine Augen an das gedämmte Licht gewöhnen, sehe ich sie: groß, braun und ein bisschen staubig. „Das ist Stubbe“, sagt Heike Wolgast und klopft ihr auf das imposante Hinterteil. Stubbe ist kein Kommissar aus den neuen Bundesländern, sondern ein Schulpferd. „Ganz lieb.“ Das will ich hoffen. Wir werden nämlich die nächste Stunde miteinander auskommen müssen. Denn heute – gut 16 Jahre, nachdem ich das letzte Mal auf dem Rücken eines Tieres saß – bekomme ich eine Reitstunde. „Das ist ganz typisch“, sagt Uwe Stöver. „Viele junge Frauen waren als Mädchen Pferdenarrin und sind dann durch Karriere und Familie vom Reiten weggekommen. In Ihrem Alter steigen viele wieder ein“, erklärt der 1. Vorsitzende des Reitclubs Hude. Heike Wolgast, eine der vier Trainer des Vereines, nickt: „Wer früher geritten ist, hat gute Voraussetzungen, schnell wieder reinzukommen.“ Hoffentlich, denke ich und quetsche meinen Kopf in die Reitkappe.
„Nehmen Sie schon mal Kontakt auf“, sagt meine Lehrerin und reicht mir Stubbes Zügel. „Hallo“, flüstere ich und komme mir etwas unbeholfen vor. Die neunjährige Stute aber sabbert freundlich an meinem Jackenärmel herum. Nur wie ich es schaffen soll, jemals den Rücken des Oldenburgers zu erklimmen, ist mir noch ein Rätsel. In diesem Moment schreitet ein anmutiges Pferdemädchen an mir vorbei. Ein echtes, meine ich. Mit endlos langen Beinen, Haaren bis zur Taille und stolzem Gang. Die haben mir früher schon Komplexe gemacht. Damals, als ich unbedingt Ferien auf dem Reiterhof machen wollte.
Eine komplette Reitausrüstung haben mir meine Eltern gekauft. Und nach zwei Wochen kam ich frustriert vom zickigen Konkurrenzkampf und den barschen Worten der Trainer zurück. Ich habe es dann mit Tanzen, Ballett und Volleyball versucht.
Was soll’s: Zeit für neue Erfahrungen. Und umsatteln ist ja immer möglich. Stubbe wenigstens, mag mich. Das behauptet zumindest Heike Wolgast an der Körpersprache des Tieres zu erkennen. „Sprechen Sie mit ihr. Die Stimme macht ganz viel aus“, erklärt die 49-Jährige. Bevor ich mich weiter als Pferdeflüsterer versuchen kann, soll ich „aufsitzen“. Zu meiner grenzenlosen Freude bekomme ich dafür einen Hocker. Das Pferdemädchen ist sowieso außer Sichtweite und weniger galant, als mich wie ein Kartoffelsack bäuchlings über den Sattel zu hieven, kann die Unterstützung einer sogenannten „Aufstieghilfe“ nicht aussehen.
Feingefühl ist wichtig
So schaffe ich es weitgehend blamagefrei auf den Rücken des Pferdes. Und auch, wenn sich noch nicht „alles Glück dieser Erde“ in mir ausbreitet, bin schon mal zufrieden. Es kann losgehen.
An der Loge, einem langen Seil, trotten wir wie ein Hund an der Leine hinter Heike Wolgast her. Ganz schön wackelig ist das. „Balance, Gleichgewichtssinn, Feingefühl“, zählt die Wüstingerin auf, bräuchten gute Reiter. Kondition sei auch nicht verkehrt. „Machen Sie irgendeinen Sport?“ Ich murmele, dass ich jogge, konzentriere mich aber eher darauf, mich nicht aus dem Sattel werfen zu lassen. „Von der Bewegung des Tieres leiten lassen“, rät mit die Trainerin. „Ganz intuitiv. Nicht so verkopft.“ Sie hat gut reden. Ich denke die ganze Zeit an meine cholerische Reitlehrerin, die mich als Elfjährige permanent zur „aufrechten Haltung“ ermahnte.
Heike Wolgast ist sanfter. Sie lobt Stubbe und mich. Wir sind ein gutes Team. Jeden Tag muss sich die Stute an neue Anfänger auf ihrem Rücken gewöhnen. Ältere Herren, Hausfrauen, Kinder – der Reitclub Hude hat ebenso unterschiedliche Mitglieder wie Schulpferde. Vom Pony bis zum „hohen Ross“ findet jeder sein bestes Pferd im Stall.
Heike Wolgast selbst hat ihre „Laufbahn“ im Galopp auf einem Kälbchen begonnen. „Noch bevor ich laufen konnte“, lacht sie, „ein Pferd hatten meine Eltern nicht“. Inzwischen hat sie drei. Ihre „Herde“ von rund 40 Schülern, die sie pro Woche im ganzen Landkreis unterrichtet, sitzen aber alle auf Schulpferden oder eigenen Tieren. Vor acht Jahren hat die gelernte Anwaltsgehilfin ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und sich zur Trainerin ausbilden lassen. Zu ihrer „Kundschaft“ gehören auch Turnierteilnehmer. „Die trainieren natürlich jeden Tag“, erklärt sie. Den Satz „Ich kann reiten“ jedoch, den gebe es nicht. „Das ist ein lebenslanger Lernprozess. Die unendliche Geschichte“, sagt die Wüstingerin. Toll, denke ich. Kann das nicht schneller gehen? Doch: Denn jetzt geht es in den Trab.
Atmen nicht vergessen
Ich soll „antreiben“. Also bemüh’ ich mich um Beinarbeit, ohne die Steigbügel zu verlieren und schnalze dabei wie ein idiotischer Cowboy mit der Zunge. Aber es funktioniert. „Gut festhalten“, sagt Heike Wolgast. Gerade noch rechtzeitig. „Einfach von der Bewegung leiten lassen und atmen nicht vergessen“. Das ist zu viel auf einmal. Stubbe schleudert mich durch, wie eine Waschmaschine. Dabei ist das der „Schongang“, wie die Trainerin behauptet. „Ausatmen!“ Ja, ja. Beim dritten Anlauf wird es allmählich besser und ich entspanne mich, höre auf, über meine Haltung zu grübeln und lasse mich einfach von Stubbe tragen.
„Das“, sagt Heike Wolgast, „ist der positive Effekt beim Reiten: den Kopf frei kriegen.“ Stubbe stoppt, ich streichel ihr durch die harte, schwarze Mähne. Unsere Stunde ist vorbei. Am Hallentor scharren sich Pferdemädchen, die jetzt ihre Künste zeigen wollen. Ich steige ab. Ganz ohne Hilfe. Und lande leichtfüßig auf dem sandigen Untergrund. Fast: „Autsch!“ Am Boden angekommen, spüre ich sehr deutlich und sehr unangenehm, wo mein Steißbein Sattelkontakt hatte. Mit anderen Worten: mein Hinterteil tut weh. Sehr sogar. Aber das gehört wohl zum Leben – auf dem Ponyhof.
