Oldenburg/Eversten - Breitbeinig steht Maloush Köhler auf der Sportmatte, mit den Füßen sucht sie Halt, „verwurzelt wie ein Baum“, die Arme zur Abwehr vor dem Körper angewinkelt. Dann gibt sie das Kommando: „Los!“, und die zehnjährige Qumri lässt ihre Faust mit einem dumpfen Schlag auf den gepolsterten Boxhandschuh der Trainerin sausen.
Mit großen Augen beobachten Qumris Mitschülerinnen das Geschehen, dann sind sie an der Reihe. Noch einmal erklärt die Niederländerin den Kindern den Ablauf der Wendo-Selbstverteidigungsübung. Das Besondere: Ihre Anweisungen unterstreicht sie mit Gebärdensprache, denn die Mädchen sind schwerhörig. „Selbstvertrauen und Willenskraft zu trainieren ist für unsere Schüler besonders wichtig, da sich Schwerhörige oft unauffällig verhalten, um nicht aufzufallen“, erklärt Norbert Broich, Lehrer am Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte (LBZH). Gemeinsam mit Kollegin Hanne Boyn organisiert er die dreitägige Veranstaltung.
Seit 17 Jahren kommt Wendo-Lehrerin Maloush Köhler an die Schule, um den Viert- und Fünftklässlerinnen zu zeigen, wie sie bei Belästigungen richtig reagieren: auf sich aufmerksam machen, sich verteidigen, weglaufen. „Zunächst müssen die Mädchen ein Gefühl für bestimmte Situationen entwickeln, um zu entscheiden, was ist in Ordnung und wann werden Grenzen überschritten“, erklärt die Wendo-Trainerin. Denn Belästigungen finden nicht nur auf der Straße, sondern auch im familiären Umfeld statt. In Rollenspielen proben sie dann das Erlernte.
Fünftklässlerin Pia habe schon Ähnliches erlebt: „Nach dem Einkaufen verfolgte mich ein Mann und sprach mich an. Ich habe laut geschrien und bin weggelaufen“, erzählt das Mädchen. Nach dem Wendo-Training wissen die Kinder, wie sie sich in solchen Situationen verhalten können.
Lautstark geht es zeitgleich in der Sporthalle nebenan her. Die Jungs der vierten und fünften Klassen lernen in den Kursen „Aikido“, eine japanische Kampfkunst, und „Ringen und Raufen“ den respektvollen Umgang miteinander. „Es geht darum, sich körperlich auszutesten und spielerisch die Wahrnehmung zu trainieren“, erklärt Ergotherapeutin Maren Buschmann. Seit acht Jahren bietet das LBZH diese Aktion den Schülern an. „Gemeinsam mit der Leffers-Stiftung und Freunden des LBZH organisieren wir jedes Jahr diese Projekte“, so Broich. Die Selbstverteidigungskurse kämen bei den Kindern alle Jahre immer wieder gut an.
