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NWZonline.de Stadtgeschichte Oldenburg Der Oldenburger Pferdemarkt und die Bahnhochlegung

Als die Schranken am Pferdemarkt zum letzten Mal fielen

08.04.2017

Oldenburg Der Pferdemarkt im Jahr 1950: Über das Kopfsteinpflaster der Heiligengeiststraße, die damals vom Gertrudenfriedhof direkt bis zum Lappan verlief, knattern nur wenige Autos. Eichen und Linden säumten die Straße und waren auch auf den verkehrsfreien Flächen vor den drei ehemaligen Kasernengebäuden verteilt. Fußgänger flanierten über den Platz, machten Halt an einem Kiosk der Ladenstraße. Nur wenige Meter von der Innenstadt entfernt, begann hier schon die ländliche Idylle.

Wenn da nicht dieses stetige Bimmeln gewesen wäre. Denn quer über den Platz, parallel zur 91er-Straße verliefen die Bahngleise in Richtung Leer und Wilhelmshaven. Und wenn sich ein Zug näherte, senkten sich die Schranken minutenlang – und für Autos, Fahrräder und Kutschen war kein Durchkommen mehr. Fußgänger konnten zumindest noch eine Überquerung an der Peterstraße nutzen.

Gemeldete Autos in Oldenburg im Jahr 1964: 23.500

Über 120 000 Oldenburger zählten die Statistiker damals, über 40 000 mehr als vor dem Zweiten Weltkrieg. Das verlängerte logischerweise auch die Warteschlangen vor den Schranken. Dabei war die Situation Anfang der 1950er-Jahre noch vergleichsweise rosig: 3000 Autos waren gemeldet – 1964 waren es schon 23 500. Das richtige Verkehrschaos sollte also erst noch kommen.

Der Ärger mit den Bahnschranken war aber in den ersten Jahren nach dem Krieg schon groß genug, so dass ein junges Oldenburger Geschwisterpaar im Januar 1953 mit einem Plan an die NWZ herantrat. Und die Redakteure gaben der Idee der jungen Leute Raum: Sie veröffentlichten deren Zeichnung der hochgelegten Eisenbahngleise samt weiterführender Überlegungen: Bund, Land, Stadt und Bahn sollen zusammenarbeiten, die Kosten werden aufgeteilt, während der Bauarbeiten rollt der Schienenverkehr über Ersatzgleise auf dem Pferdemarkt und nach der Vollendung des Baus ziehen Einzelhändler in Läden unterhalb der Brücke ein. Das Erstaunliche an den Ideen der jungen Geschwister: Sie sagten die tatsächliche Entwicklung der nächsten Jahre sehr gut voraus, denn alles wurde zumindest genauso geplant und zum Teil auch umgesetzt.

Vorher-Nachher-Fotos und weitere Artikel vom Oldenburger Pferdemarkt finden Sie in unserem Spezial „Stadtgeschichte Oldenburg: Der Oldenburger Pferdemarkt und die Bahnhochlegung“.

1960 setzte die Bahndirektion Münster die Hochlegung der Bahngleise am Pferdemarkt auf Platz eins ihres Investitionsprogramms. Der Wille war da, es fehlte nur das Geld. Die Stadt Oldenburg hatte damals viele dringende Projekte auf ihrer To-do-Liste stehen, die allesamt mit den plötzlichen Herausforderungen einer „Großstadt über Nacht“ zusammenhingen: Die Stadt brauchte ein neues Rathaus. Die Umgehungsstraße (Vorgänger der heutigen Autobahn) musste fertiggestellt werden, ebenso die „Osttangente“ (die mehrspurige Verbindung zwischen Pferdemarkt und Schloss).

Es war also klar, dass das Projekt nicht allein finanziert werden konnte. Ebenso klar war, dass es zwingend nötig war, es eher heute als morgen anzupacken, denn die täglichen Schlangen vor den Schranken erhöhten den Druck auf den Oldenburger Verkehrskessel, der ihm irgendwann nicht mehr standhalten würde: Durchschnittlich 120 Züge versperrten den Weg bis zu fünf Stunden am Tag.

Daher wurde, obwohl die genaue Aufteilung der Kosten zwischen Bund, Land, Bahn und Stadt noch nicht feststand, 1963 mit den Arbeiten begonnen. Die öffentlichen Haushalte der Stadt mussten in diesen Jahren ein ums andere Mal bis an die Schmerzgrenze aufgebläht werden. Am Ende beteiligten sich alle Partner, die Stadt blieb aber auf dem Löwenanteil sitzen.

Am 13. Mai 1963 wurde der Grundstein für das Bauwerk gelegt. Die Arbeiter begannen mit dem Bau eines gut 300 Meter langen Viadukts aus Waschbeton, die Bahnstrecken nach Leer und Wilhelmshaven wurden kilometerweit ebenfalls höher gelegt, womit auch die Bahnübergänge an Auguststraße, Ziegelhofstraße und Melkbrink verschwinden sollten. Die Züge fuhren in der Zeit auf Ersatzgleisen nördlich der alten Strecke.

Die Staus am Pferdemarkt wurden zunächst länger

Dass die Staus am Pferdemarkt durch die Schranken und die Baustelle zunächst einmal eher länger als kürzer wurden, lag auf der Hand, musste aber in Kauf genommen werden. Die NWZ schrieb damals: „Die Oldenburger werde erkennen müssen, dass erst schlechter wird, was schließlich besser werden muss.“ In der ganzen Stadt rieten ca. 200 Schilder von der Fahrt in Richtung Innenstadt ab.

Umso mehr war es wichtig, die Bauarbeiten ohne Probleme und Verzögerungen abzuschließen. Das klappte so gut, dass am 27. Januar 1966, drei Monate vor geplanter Fertigstellung, die erste Bahn in Richtung Leer über die Brücke fuhr. Parallel dazu fuhren die Züge in Richtung Wilhelmshaven noch ebenerdig weiter. Am 26. Mai 1966 wurde das Bauwerk mit beiden Gleisen feierlich eingeweiht. Oberbürgermeister Hans Fleischer freute sich: „Das Schranken-Gebimmel, etwas typisch Altoldenburgisches, ist den Ansprüchen unserer Zeit gewichen.“ Als Einweihungsgeschenk der Bahn bekam die Stadt eine Schrankenglocke als Erinnerung geschenkt.

Die Bahnhochlegung sorgte für mehr Verkehrsfluss, lange Autoschlangen waren aber zu Stoßzeiten weiterhin an der Tagesordnung. Andere Verkehrsprojekte mussten erst umgesetzt werden, zum Beispiel die Umgestaltung des Pferdemarkts in einen Kreisverkehr, die 1967 begann. Eine Lokomotive hielt den Verkehr seit dieser Zeit in der Innenstadt jedoch nicht mehr auf.

Insgesamt kostete der Bau der Brücke am Pferdemarkt mit allen Begleitumständen 35 Millionen Mark (entspricht der heutigen Kaufkraft von ca. 66 Millionen Euro) und damit rund 15 Millionen Mark mehr als ursprünglich geplant, was an die Kostenexplosionen heutiger Großprojekte erinnert. Wovon sich Hauptstadtflughafen, Elbphilharmonie oder Stuttgart 21 eine Scheibe abschneiden dürfen: Die geplante Bauzeit wurde um sechs Monate unterboten.

So unverzichtbar die Brücke im Herzen der Stadt für die Oldenburger geworden ist – in den letzten Jahren wurde sie auch zum Streitfall. Bürgerinitiativen und die Deutsche Bahn AG streiten angesichts des befürchteten vermehrten Zugverkehrs durch den Jade-Weser-Port, ob das über 50 Jahre alte Bauwerk diesem überhaupt noch standhalten könne. Einem Gutachten von 2011 zufolge seien beim Bau zukünftige schwerere Lasten berücksichtigt worden, so dass kein Grund zur Sorge bestehe. Die Bürgerinitiative „Lebensqualität an der Bahn“ (ILQ) fordert seitdem die Untersuchung von Betonproben.

Vorher-Nachher-Fotos und weitere Artikel vom Oldenburger Pferdemarkt finden Sie in unserem Spezial „Stadtgeschichte Oldenburg: Der Oldenburger Pferdemarkt und die Bahnhochlegung“.

Christian Schwarz
Redakteur
Online-Redaktion
Tel:
0441 9988 2160

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