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Rezan Cakici Und Danuta Lysien Aus Oldenburg Seit langem verschwunden, aber noch nicht vergessen

Marc Geschonke

Oldenburg - Offiziell gelten sie noch als Vermisstenfälle – die Polin Danuta Lysien (55) und der Deutsch-Kurde Rezan Cakici (29). Doch rund neun Monate nach dem jeweils plötzlichen und nach wie vor unerklärlichen Verschwinden aus Oldenburg schrumpft die Hoffnung auf ein Wiedersehen, gleichsam auf einen Erfolg der beidermaßen eingesetzten Sonderkommissionen (Soko) der Polizei.

Die Ermittlungsarbeit läuft im Hintergrund unbeirrt weiter. Auch wenn die vermeintlich heißesten Spuren der seit dem 24. Juni 2017 verschwundenen Danuta Lysien aus dem Stadtteil Krusenbusch nach Polen führen. Auch wenn nach einem viel beachteten Gerichtsprozess um die tödlichen Schüsse von Nadorst im Sommer vergangenen Jahres vieles darauf hindeutet, dass Rezan Cakici nach seinem angeblich übereilten Abgang Anfang Juli aus einer Shisha-Bar nicht mehr auftauchen wird.

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Am Donnerstag und Freitag waren nun jedoch die Kräfte der Technischen Einsatzeinheit Niedersachsen (TEE) am Kennedyteich auf Spurensuche.

Weshalb ausgerechnet jetzt? Dazu verklausuliert die Polizei auf NWZ-Nachfrage: „Es gab keinen konkreten Anlass“, so ein Sprecher, „es wurden nur weitere mögliche Spuren im Vermisstenfall Cakici abgearbeitet.“

Waffe gesucht?

Der Kennedyteich ist hier bis zu zwei Meter tief. Was damit klar sein dürfte: Nach Personen haben die zahlreichen Taucher nicht gesucht. Was ebenso klar ist: Da sich reichlich Gehölz, zudem viel Müll im Wasser befindet, wäre die Suche nach kleineren Fundstücken wie beispielsweise Handys, Waffen oder Kleidungsstücke mit einem enormen personellen wie logistischen Aufwand verbunden. So mag sich dann auch erklären, dass die Kräfte der TEE hier an gleich zwei Tagen mit größerem Aufgebot im Einsatz waren – am Freitag mit mehreren Tauchern, tags zuvor sogar in gleich zweistelliger Zahl, samt eines Sonarboots. Und das nicht etwa nur im Uferbereich.

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Bis auf etwas Spielraum durch starke Winde würden sich in diesem Stillgewässer eingetauchte Fremdkörper nicht in besonderem Maße bewegen. Dies, die nahezu gewässerweite Suche und die Größe des Teichs (etwa 2 Hektar) spricht dafür, dass die Taucher mit einem weit hinein geworfenen Gegenstand gerechnet haben. Gut möglich also, dass die Soko bei der Suche nach Ermittlungsansätzen auch auf Erkenntnisse aus dem im Februar abgeschlossenen Gerichtsprozess und den zugehörigen Vernehmungen zurückgreift. 

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Wie berichtet, war es kurz nach dem Verschwinden Rezans in einem Nadorster Geschäftslokal zu einer Schießerei gekommen, bei dem der Onkel des Vermissten getötet, dessen Vater schwer verletzt wurde. (Hintergrundartikel: Eine Stadt in Schockstarre) Vor der Schwurgerichtskammer stand indes ein Vertrauter und Geschäftspartner Cakicis, dem die Familie bis heute das Verschwinden des 29-Jährigen anlastet – ihm und zwei weiteren „Geschäftspartnern“ Rezans, die sich jedoch längst in die Türkei abgesetzt und so in etwaiger Zeugenfunktion nicht zur Verfügung gestanden hatten.

Der 38-jährige Angeklagte wurde letztlich wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz schuldig gesprochen, die Schüsse wurden als Notwehr gewertet. Ungewiss bleibt bis heute der tatsächliche Ursprung der Tat, obgleich die meisten Verdachtsmomente auf das ominöse Verschwinden Rezans zulaufen.

Fehlende Teile

Als mindestens seltsam erscheint auch der Vermisstenfall Danuta Lysien. Die 55-Jährige soll zwar nicht reich, aber doch besser situiert gewesen sein, heißt es. Am 24. Juni wurde sie letztmals lebend gesehen. Auch hier verloren sich ihre Spuren schnell. Eine später ausgesprochene Belohnung von 5000 Euro brachte keine ernstzunehmenden Zeugenhinweise ein.

Dennoch ist die Polizei nicht untätig. Mitte Februar wurde ihr bis dato ebenso vermisstes Fahrzeug – ein Mercedes E220 – unter einer Autobahnbrücke in Bremen-Neustadt gefunden. Da an dem Fahrzeug „einige Teile“ fehlten, wie es heißt, hatte die „Soko Lysien“ jetzt im Umkreis des Abstellortes noch einmal nach diesen gesucht, dabei ebenfalls in einigen Wasserzügen Taucher eingesetzt. Offenbar ebenso ohne Erfolg.

„In beiden Fällen ermitteln wir nicht wegen eines Tötungsdelikts“, so ein Polizeisprecher. Trotzdem könnten die Vermisstensachen bei entsprechenden Hinweisen natürlich rasch zu einem deklariert werden. Die Polizei arbeitet in Sachen Lysien weiter mit den polnischen Behörden zusammen. Grund dafür ist einerseits die Möglichkeit, dass sich die 55-Jährige in ihre Heimat abgesetzt haben könnte. Ein anderer: Einen Tag nach ihrem Verschwinden hatte ein Unbekannter zwei Mal mit der EC-Karte der Vermissten höhere Beträge in der LzO-Filiale in Krusenbusch abgehoben, zwei Tage später hatte der offenbar selbe Mann gleiches erneut in der Region Posen getan. „Wir schließen nichts aus: Es kann sein, dass die Frau einem Kapitalverbrechen zum Opfer fiel; sie kann sich aber auch abgesetzt haben“, heißt es nach wie vor.

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