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nordwest-zeitung

Oldenburger Kinderheim Auf Wangerooge Geschlagen, gezüchtigt und missbraucht

Theo Kruse

Wangerooge - „Verschickungskinder“ wurden Kinder genannt, die zur Erholung und zu Kurzwecken ohne ihre Eltern in ein Kinderheim gebracht wurden. In den 1950er und 1960er Jahren waren Kinder in diesen Heimen erzieherischer Gewalt wehrlos ausgesetzt. Die damaligen Heimkinder trafen sich Ende November zum ersten Mal auf Sylt zu einem Kongress, um im Kindesalter erlittenes Unrecht öffentlich zu machen. Auch auf Wangerooge gab es seit den 1950ern bis in die 1980er Jahre hinein mehrere Kinderkurheime.

Morgens kalt abgespritzt

Die so genannten Erziehungsmethoden und Übergriffe der Aufsichtspersonen unter Leitung von Henni Zymann im Oldenburger Kinderheim (OKH) schildert B. aus Oldenburg (Name der Redaktion bekannt) in einem Schreiben an die NWZ. Körperliche und psychische Gewalt waren in dem Heim an der Tagesordnung.

Betroffene organisieren sich

Zur Zeit des „Wirtschaftswunders“ gab es mehr als 800 Kinderkurheime in Deutschland – unter anderem auf Wangerooge. In manchen Einrichtungen erlitten Kinder durch Personal, welches in der NS-Zeit ausgebildet worden war, die „schwarze Pädagogik“. Die Zahl der Betroffenen wird von den Organisatoren des Sylter Kongresses auf mehrere Millionen geschätzt.

Das Oldenburger Kinderheim (OKH) wurde am 11. Juni 1886 auf Wangerooge eröffnet. Träger des Kinderheims war der Landesfürsorgeverband, später Landessozialverband, der in den Bezirksverband Oldenburg aufging. Das OKH wurde 1984 geschlossen und verkauft. Bis dahin verlebten etwa 800 Kinder im Jahr vier- oder sechswöchige Kuren auf der Insel.

Die Berliner Autorin Sabine Ludwig hat selbst Erlebtes aus der Verschickung in dem Jugendbuch „Schwarze Häuser“ (ISBN 978-3-7915-1204-4) niedergeschrieben. Sie war in einem Kinderheim auf Borkum.

Betroffene können ihre Erfahrungen austauschen und sich organisieren auf der Internetseite

„Ich war 1959 und 1960 im Alter von sieben und acht Jahren auf Wangerooge. Frühmorgens war es Schwester Hennis größte Wonne, uns aus einem Schlauch mit kaltem Meerwasser abzuspritzen. Wer ihrer Meinung nach zu lange Fingernägel hatte, dem schnitt sie sie bis ins Nagelbett zurück, bis es blutete.“ So erinnert B. seine Aufenthalte im Oldenburger Kinderheim.

Der heute 67-jährige Oldenburger steht mit seinen Erinnerungen nicht allein da. In Internetforen wie www.kinder-heim.de lassen sich viele erlittene Traumata der damals kleinen Kurgäste nachlesen, die zumeist wegen Erkrankungen der Atemwege an die Nordsee geschickt wurden. „Ich habe nach diesem vierwöchigen Horrortrip auf Wangerooge nie wieder einen Fuß auf diese Insel gesetzt“, schreibt ein Forumsbesucher.

Darstellungen weiterer betroffener Heimkinder ergänzen die Schilderungen Bs. Einige Kinder hätten Heimweh gehabt und nachts geweint. Anstatt diese Kinder zu trösten, seien sie mit ihren Betten in den Waschraum oder Putzmittelraum geschoben worden. Für begangene vermeintliche Sünden habe es Ohrfeigen gegeben.

„Mitgebrachtes Taschengeld mussten wir bis auf den letzten Pfennig abgeben. Von dem Geld haben wir nichts wieder gesehen“, beschreibt ein Betroffener seinen Aufenthalt im Juli 1960 unter dem Usernamen ‚Heimkind‘. „Was haben wir Kinder euch nur angetan, dass wir von euch dermaßen gedemütigt und misshandelt wurden?“, fragt er heute verzweifelt.

Ziel: Gewichtszunahme

Eine genaue Beschreibung des gemeinsamen Essens, das eine möglichst große Gewichtszunahme zum Ziel hatte, liefert der Nutzer ‚Heimfrosch‘: „Im Speisesaal gab es an der Stirnseite ein Podest, auf dem die Heimleiterin thronte und [von dem sie] Anweisungen gab. Renitenten Kindern wurden die Beine am Stuhl festgebunden. Kinder, die sich vor dem Essen – oft eine Art unappetitlicher Milchschrot – ekelten, wurden gezwungen, zwei Teller zu essen. Wenn sie sich erbrachen, mussten sie den Teller zur Toilette bringen. Wenn sie zurückkamen, wurde der nächste Teller aufgefüllt.“

Nazimethoden der damaligen Erzieherinnen wurden auch in der Zensur von Briefen an die Eltern deutlich: „Man musste den Text vorschreiben. Nicht genehme Inhalte wurden gestrichen“, erinnert sich User ‚Heimfrosch‘.

„So oft ich später an Wangerooge dachte, bekam ich heftige Angstzustände, regredierte noch als Erwachsene in das kindliche Gefühl, fremder Gewalt ausgeliefert zu sein, mit Herzrasen und Weinkrämpfen“, untermauert ‚Franziska‘ die traumatischen Erlebnisse anderer Verschickungskinder. 1964 war ‚Franziska‘ im Alter von sechs Jahren zur Erholung auf Wangerooge und erinnert sich „deutlich an den Horror des ersten Tages und die Erleichterung am Ende“. Dazwischen liege nur ein dunkler Brocken allgemeiner Erinnerung an Aggression, unverhältnismäßigen Strafmaßnahmen, Toilettenverboten, [und beispielsweise jene Erinnerung an die] Bettnässerin neben [ihr], die jedes Mal dafür gestraft wurde.

Die Schilderungen von ‚Franz‘ zeigen darüber hinaus sexuellen Missbrauch im Kinderheim. Er sei um 1956 mit seinem Bruder auf Wangerooge gewesen. Erst das Abspritzen mit eiskalten Wasser, „danach bei einer Angestellten nackt auf dem Schoß, die nach dem Abtrocknen noch mein Geschlechtsteil mit ihrer Hand massierte.“

Die Demütigungen und Misshandlungen blieben verborgen, bis im Sommer 1962 vier Kindergärtnerinnen die Methoden der Heimleiterin Schwester Henni Zymann (Jahrgang 1916) öffentlich machten. Sie distanzierten sich von der Heimleitung und kündigten mitten in der Saison ihre Anstellung, so dass das Heim vorübergehend schließen musste.

„Maßlose Übertreibung“

Kurze Zeit später wurden die Vorfälle im Landessozialverband für das Oldenburger Land untersucht. Landesrat Hans Plagge, damaliger Vorsitzender des Verbandes, stellte dabei fest, das „die Erziehungsmaßnahmen in scherzhafter Form und mit dem Einverständnis der Kinder“ erfolgt seien. Die Prüfung habe nichts ergeben, was weitere Maßnahmen oder gar ein gerichtliches Verfahren gegen die beschuldigte Heimleiterin erforderlich gemacht habe.

Henni Zymann hatte zu diesem Zeitpunkt gekündigt.

Über Schwester Henni könne er nur Lobenswertes berichten, befand Wangerooges Bürgermeister Diedrich Gramberg, und das unterstrich auch der damalige Gemeinde- und Kurdirektor Willy Boberg. Auch Dr. Peter Siemens, der als Heimarzt im OKH ständig präsent war, bewertete die Anschuldigungen gegen Schwester Henni als „maßlose Übertreibung“. Ihr Berufsethos, das durch die NS-Zeit geprägt war, wurde nicht kritisiert. Hier wird deutlich, wie sehr in den 60er Jahren ein Großteil der Gesellschaft und eben auch die politisch Verantwortlichen als Folge der NS-Zeit die Augen vor Missbrauch und Gewalt verschlossen und dieses auch zuließen.

Heute geht es den „Verschickungskindern“ nicht um Wiedergutmachung oder Schmerzensgeld. Sie wollen ihr persönliches Trauma aufarbeiten und sie wünschen, dass ihnen Glauben geschenkt wird. Auf dem Sylter Kongress „Das Elend der Verschickungskinder“ stellten sie diese Forderung auf: „Alle Betroffenen sollen erfahren können, dass ihre erinnerten Erlebnisse Realität waren, dass ihnen Unrecht widerfahren ist und dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind.“

Der Bezirksverband Oldenburg, Nachfolger des Landesfürsorgeverbandes, kennt die Vorkommnisse in seinen Einrichtungen und die dort ausgeübten Gewalt an Kindern nicht. Dort sei heute nichts von früheren Übergriffen und Demütigungen bekannt, sagte ein Sprecher. Soweit Betroffene Gesprächsbedarf hätten, sei man bereit, sie bei der Bewältigung ihrer Traumata zu unterstützen. Auf einer Postkarte aus den 60er Jahren wurde das Oldenburger Kinderheim zynischerweise als Ort bezeichnet „wo sich Jungen und Mädchen aus allen Teilen des Verwaltungsbezirks Oldenburg so wohl fühlen, dass der Abschied von den See und den Dünen schwerfällt.“

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