London - Das Sommermärchen für Deutschland schrieb dieses Mal Angelique Kerber. An dem Wochenende, an dem die deutsche Sportszene mit der Fußball-Nationalelf über den WM-Titel jubeln wollte, verewigte sich die 30-jährige Kielerin in der Tennisgeschichte und gewann Wimbledon. Als erste Deutsche seit Steffi Graf 1996, als erst dritte Deutsche überhaupt. „Das war der Traum meiner Träume. Das bleibt für immer. Ich kann jetzt immer sagen, dass ich Wimbledon-Champion bin“, sagt Kerber nach ihrem Coup über Serena Williams.
Am Sonntag freute sie sich besonders auf das Champions Dinner am Abend, das sie bisher nur vom Fernsehen kannte. „Ich habe bestimmt 50 Kleider anprobiert“, schildert sie ihre knifflige Mode-Anprobe. Am Ende habe sie sich für ein Kleid, „ganz elegant und ganz schlicht“, entschieden: „Das ist Wimbledon für mich.“
Angelique Kerber wurde am 18. Januar 1988 in einem Bremer Krankenhaus geboren. Ihre Eltern lebten in Achim, sie waren ein Jahr zuvor aus Polen in den Landkreis Verden gekommen. Vater Slawomir spielte damals für den Oldenburger Tennisverein (OTeV). Als Angelique Kerber acht Monate alt war, zogen ihre Eltern nach Kiel, wo Vater Slawomir die Tochter bald im Tennis unterrichtete. Das Verhältnis der beiden kühlte allerdings stark ab. Kerber trainiert seit einigen Jahren im westpolnischen Puszczykowo. Ihre Großeltern leben bis heute in dem Ort.
Erstmals ohne Sportklamotten, sondern in einem luftigen Sommerkleid erschien die gebürtige Bremerin am Sonntag auf der Tennis-Anlage an der Church Road – nach einem gemeinsamen Essen am Abend mit ihrer Mutter Beata und ihrem Team und einem Bar-Besuch bis „so vier halb fünf“. Es sei schon hell geworden.
Sie fühle sich komplett anders. „Ich fühle mich, als ob alles von mir abfällt“, sagte Kerber: „Ich glaube, ich brauche noch einige Tage, bis ich das wirklich realisiere, dass ich wirklich Wimbledon gewonnen habe.“ An diesem Montag fliegt sie zurück nach Polen. Dort, in Puszczykowo, ist sie derzeit häufiger als in ihrem zweiten Wohnort Kiel.
Rund 200 Nachrichten erreichten sie auf ihrem Handy, eine auch von ihrem Vorbild Steffi Graf. „Sie hat mir geschrieben, dass sie das verfolgt hat, dass sie sich mit mir freut, dass ich das genießen soll und dass ich das verdient habe“, sagt Kerber. Ihr Name steht nun in einer Reihe mit den Wimbledon-Siegern Graf, Boris Becker und Michael Stich.
„Für mich ist es eine ganz große Ehre, nach Steffi die nächste deutsche Wimbledonsiegerin zu sein. Besser geht es nicht“, sagt die nun dreimalige Grand-Slam-Siegerin, die in der Weltrangliste auf Platz vier klettert.
„Ich bin durch mit meinem Leben“, stammelte Kerber am Samstag direkt nach dem Match, in dem sie Williams beim 6:3, 6:3 überraschend klar beherrscht hatte. Mit einem leidenschaftlichen und unaufgeregten Auftritt gegen die junge Mutter krönte Kerber ihre Karriere. Kanzlerin Angela Merkel freute sich über die „begeisternde Leistung“ der dritten deutschen Wimbledonsiegerin nach Cilly Aussem in den 1930ern und Graf in den 80ern und 90ern.
„Sie ist eine unglaubliche Person“, würdigte die faire Williams ihre Bezwingerin. Die 36-jährige US-Amerikanerin, die in London erst ihr viertes Turnier nach ihrer Rückkehr spielte, widmete ihre Leistung allen Müttern dieser Welt.
