MüNCHEN - Auf den ersten Blick ist Dustin Brown eine verwirrende Erscheinung. Die dunkle Hautfarbe, die langen dreadlocks so sehen Menschen aus, die aus der Karibik kommen. Normalerweise. Dustin Brown aber ist in Celle geboren, er lebt in Winsen an der Aller, nicht in Winsen an der Luhe, wie er gerne betont in geschliffenem Hochdeutsch. Das mit der Karibik ist trotzdem nicht falsch, Brown hat mal sieben Jahre auf Jamaika gelebt, der Vater ist Jamaikaner, die Mutter, die er Mam nennt, eine Deutsche. Die Verwirrung, die der Tennis-Spieler Brown auslöst, ist damit nicht geklärt.
In der ersten Runde des ATP-Turniers in München hat Brown gegen Stanislas Wawrinka gewonnen. Der Schweizer ist derzeit immerhin die Nummer 14 der Welt. Der Sieg war nicht unbedingt zu erwarten, und Brown hat viele Beobachter und nicht zuletzt sich selbst damit ziemlich überrascht. Die Leute wissen schon, dass ich gut Tennis spielen kann. Ich weiß nur nicht, ob ich es an diesem Tag spielen kann, hat der 26-jährige Rasta-Mann danach gesagt. Übersetzt heißt das: Brown hat es vom Können her drauf, gegen Leute wie Wawrinka zu gewinnen nur vom Kopf her schafft er es oft nicht.
Ich bin oft hektisch geworden, wenn ich geführt habe. Aber man muss beim Tennis einfach sein Spiel weiterspielen, hat Brown nach seinem bislang größten Sieg festgestellt. In seinem Fall gehören dazu starke Nerven. Der Deutsch-Jamaikaner spielt unorthodox. Ein bisschen wie eine Mischung aus den ehemaligen Weltstars Yannick Noah und Jimmy Connors. Brown ist sehr angriffslustig, weil er weiß: Als Grundlinienspieler taugt man als 1,96-Meter-Mann sowieso nicht. Nicht zuletzt seine Mutter hat Dreddy (wegen der dreadlocks) davon überzeugt, dass er mal Spieler besiegen könnte, die er früher nur im Fernsehen sah. Da sitzt man auf dem Sofa und sagt: Danke, Mam. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich geglaubt habe, dass ich es kann.
Mit seinem Spiel hat er es mittlerweile auf Rang 123 gebracht. Die Zeiten, als er im Campingbus zu Turnieren fuhr, sind vorbei. Ebenso die Phase vor etwa einem Jahr, als er überlegte, für Jamaika anzutreten. Dort wäre er die Nummer eins, aber der jamaikanische Verband hat sich etwas ungeschickt verhalten.
Seine Gegenüber zu verwirren, vor allem seine Gegenspieler, soll in Zukunft Methode haben, sagt Brown: Es macht mich ja gefährlich, dass die nicht wissen, was kommt. Mal sehen, wie Radek Stepanek reagiert: Der Tscheche ist an diesem Donnerstag der nächste Gegner und als Nummer 67 der Weltrangliste gar nicht so weit weg von dem Ziel, das Brown erst mal erreichen will: Er strebt einen Platz unter den besten 60 Spielern an.
