BERLIN - Erika Tophoven: „Becketts Berlin“, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin, 143 S., mit vielen Abb., 24, 90 Euro.
Samuel Beckett: „Warten auf Godot“, Edition Suhrkamp, Frankfurt a.M., Faksimile eines Handexemplars zur Inszenierung von 1975, 115 S., 10 Euro.
Mel Gussow: „Begegnung mit Beckett“ Alexander-Verlag, Berlin, 200 S., 19,90 Euro.
Von Holger Teschke
BERLIN - Samuel Beckett (1906–1989) reiste vom September 1936 bis zum März 1937 durch Deutschland, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern und die Kunstsammlungen in Hamburg, Berlin, Dresden, Halle und München zu besuchen. Er war vor allem auf der Suche nach der von den Nazis verfemten modernen Kunst und erstaunt, in manchen Museen und Galerien noch Barlach, Nolde, Heckel und Kirchner zu finden. Aber auch für die italienische Renaissance und die alten Niederländer interessierte er sich intensiv.Erika Tophoven, die gemeinsam mit ihrem Mann Becketts Werk kongenial ins Deutsche übertragen hat, ist in ihrem ebenso vorzüglich ausgestatteten wie geschriebenen Buch „Beckett in Berlin“ vor allem seinem Aufenthalt in der damaligen Reichshauptstadt nachgegangen. Sie hat die Tagebücher jener Monate entziffert und erzählt vor einem weit gespannten historischen und kunstgeschichtlichen Horizont von der abenteuerlichen Reise des jungen Künstlers durch das winterliche Berlin von 1936. Man begleitet Beckett auf Wanderungen durch die Stadt und lauscht seinen Gesprächen mit jungen Unbekannten und Prominenten wie Will Grohmann oder Karl Valentin. Ein großes Buchvergnügen, das aufschlussreich für Becketts spätere Literatur und Theaterarbeit ist.
30 Jahre später sollte Beckett als bekannter Dramatiker nach Berlin zurückkehren, um sein Stück „Endspiel“ am Schiller-Theater zu inszenieren. Daraus ergab sich eine Arbeitsbeziehung, die bis 1978 anhielt und deren Höhepunkt die Inszenierung von „Warten auf Godot“ wurde. Der Suhrkamp-Verlag hat zum 100. Geburtstag das Faksimile von Becketts Regiebuch zu dieser legendären Aufführung herausgebracht, das einen interessanten Einblick in das Theaterverständnis des Schriftstellers gibt. Striche, Ergänzungen und Korrekturen zeigen, wie wichtig Beckett sowohl die sprachliche wie auch die darstellerische Präzision seiner Inszenierungen war– eine Taschenbuch-Trouvaille, nicht nur für Beckett-Kenner.
Die „Begegnungen mit Beckett“ des Theaterkritikers Mel Gussow von der New York Times hat der Alexander-Verlag erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Gussow besuchte Beckett in Paris zwischen 1978 und 1989 und hielt diese Begegnungen in Gedächtnisprotokollen fest, da Beckett jede Art von Interview verweigerte. Es ist ein Lemuren-Buch, das noch die kleinste Bemerkung des alternden Nobelpreisträgers festhält und keine noch so banale Postkarte oder Widmung unerwähnt lässt. Dennoch steckt auch dieses Buch voll interessanter Bemerkungen zu Theater, Literatur und Politik, die man selbst in James Knowlsons monumentaler Biografie von 1996 nicht findet. Ein Großteil der Tagbücher und Briefe liegen noch unübersetzt im britischen Beckett-Archiv von Reading – genug Material für kommende Editionen.
