Varel/Oldenburg - Geduldig warten die vierbeinigen Patienten. Wolldecken wärmen sie vor der Kälte, die vom Steinpflaster vor dem Oldenburger Hauptbahnhof an diesem Dezembertag aufsteigt. Als sie aufgerufen werden, lassen sie sich bereitwillig von der Tierärztin Sabine Schulze aus Obenstrohe untersuchen. Sogar der misstrauische Spike, der selbst entscheidet, wo er angefasst werden darf.
13 Straßenhunde vorwiegend von Menschen ohne festen Wohnsitz wurden bei dem kostenlosen Medizincheck vorgestellt, den der Tierschutzverein „TS Fellwechsel“ aus Varel jetzt angeboten hat. „Mit diesem Zuspruch haben wir nicht gerechnet“, freut sich die Vorsitzende Petra Hörmann über die Resonanz.
Wochenlang vorbereitet
Wochenlang hatten sich die Tierschützer vorbereitet. Mit Flugblättern haben sie die Aktion beworben. Dazu arbeiteten sie mit den Streetworkern vor Ort, der Bahnhofsmission und der Anlaufstelle Café Caro zusammen. „Wir mussten den Menschen Infos und vor allem Vertrauen vermitteln“, sagt Petra Hörmann. Denn gerade bei Personen, die mit ihren Tieren vorwiegend auf der Straße leben, sei das Misstrauen auch bei Hilfeangeboten groß.
„Die Betroffenen haben Angst, dass ihnen ihre Hunde weggenommen werden“, kennt Petra Hörmann die Bedenken: „Deshalb hatten wir auch große Bauchschmerzen, ob sich die Aktion überhaupt lohnt.“ Diese Skepsis hatte sich aber bald zerschlagen.
Schnell füllte sich der Platz. Manche standen auch zunächst prüfend mit etwas Abstand in Grüppchen zusammen und beobachteten das Treiben. Überpünktlich erschien indes eine junge Punkerin mit Hummel und Bruno. Sie hatte die Helfer bereits kennengelernt und war froh, nun einmal die Herzgeräusche ihrer Hündin abklären zu lassen. Das hatte ihr schon seit Wochen Sorgen bereitet.
„Alle Hunde waren sehr gut gepflegt und ordentlich. Sie hatten keine Zecken, Flöhe oder sonstiges Ungeziefer“, sagt Petra Hörmann und räumt gleich mit einem Vorurteil auf: „Die Halter sind sehr besorgt um ihre Tiere. Sie stehen bei ihnen absolut im Fokus.“
Vier Operationen nötig
Dennoch gab es einige Sorgenkinder. Vier Hunde müssen operiert werden. Unter anderem das Notfallmädchen Jule. Der Hündin muss ein Tumor entfernt werden, der kurz vor dem platzen steht. Auch das ermöglicht der Vareler Tierschutzverein. „Wir holen sie und die Halter mit dem Auto ab und bringen sie in die Praxis von Sabine Schulze nach Obenstrohe.“ Die Kosten für die Behandlung von bis zu 1000 Euro übernimmt der Verein Fellwechsel. Viele Medikamente kommen von einem Sponsor.
Der Verein Fellwechsel aus Varel wird betreut von ehrenamtlichen Helfern um den Vorstand Petra Hörmann, Maren Bahr und Mike Hechler. Infos gibt es per E-Mail an info@ts-fellwechsel.de.Seit 2014 besteht eine Zusammenarbeit mit dem Tierheim Proa in Madrid. „Dabei geht es um die Hilfe vor Ort“, sagt Petra Hörmann. 30 Hunde holen sie jährlich nach Friesland. Dabei arbeiten sie mit Pflegestellen zusammen oder vermitteln die Tiere in Direktadoption. Die Experten bitten, vor Weihnachten keine Tiere zu adoptieren. Viele Tierheime geben bis dahin auch keine Tiere ab.
Doch nicht nur die Tiere standen im Mittelpunkt. „Wir haben auch die Geschichten der Menschen kennengelernt“, sagt Petra Hörmann, „von denen manche durch Schicksalsschläge auf der Straße landeten.“ Auch ihnen wurde geholfen.
Heiße Würstchen für alle
Die Vereinsmitglieder hatten Jacken und Mützen gesammelt, die an die Menschen verteilt wurden. Die Hunde erhielten ebenfalls gespendete Mäntelchen sowie Care-Pakete mit Halsband, Leine, Futter und Leckereien. Für alle gab es zudem heiße Würstchen, Brötchen und Kaffee. „Wir werden diese Aktion wiederholen“, kündigte Petra Hörmann an.
