WILHELMSHAVEN - Schon der Sitzkreis im Kindergarten hat für Michaela Rothers Sohn zu lange gedauert. Er schaffte es nicht, so lange sitzen zu bleiben. Und so ging es weiter. „Er konnte sich auf nichts konzentrieren“, erklärt Rother, wieso sie mit ihrem Kind zum Arzt ging, als es vier Jahre alt war. Weitere Termine folgten – beim Kinderpsychologen und beim Sozialpädagogischen Zentrum in Oldenburg. Irgendwann – nach mehr als einem Jahr – war klar: ihr Sohn hat ADHS, ein Aufmerksamkeitsdefizit mit Hyperaktivitätsstörung.
ADHS ist eine Störung des Nervensystems. Kinder, die diese Störung haben, haben nur eine sehr kurze Konzentrationsspanne. Sie sind auffällig in ihrem Sozialverhalten und rasten oft einfach aus. Das kennt Manuela Rother auch von ihrem Sohn. „Das geht von Null auf Hundert. Plötzlich steht er mit hochrotem Kopf und geballter Faust vor mir und schreit“, beschreibt die Wilhelmshavenerin. Hinterher entschuldigt er sich. Er weiß, dass er etwas falsch gemacht hat, kann aber nichts dafür. Seit seinem sechsten Lebensjahr nimmt er Medikamente. Inzwischen ist er auf Ritalin eingestellt. Das Medikament wird von Experten kritisch bewertet. Es besteht die Gefahr von Abhängigkeit und Langzeitschäden. Doch mit Homöopathie und Ernährungsumstellung bekam Familie Rother das Problem ihres Jungen nicht in den Griff.
Manuela Rother gibt ihrem Sohn die Medikamente deshalb nicht immer. „In den Ferien lassen wir das Ritalin weg. Dann darf er herumflippen“, sagt sie. Doch damit kann längst nicht jeder umgehen. „Man wird schon schief angesehen. Die Leute denken dann, mein Kind ist schlecht erzogen“, erzählt sie von ihren Erfahrungen.
Seit die Rothers wissen, dass ihr Sohn ADHS hat, hat sich das Familienleben komplett verändert. Der Tag ist strikt durchstrukturiert. Das hilft dem Jungen, besser zurecht zu kommen. Morgens ist von 6.30 bis 7 Uhr Badezimmerzeit, danach bleiben 15 Minuten fürs Frühstück, dann gehts zur Schule. Am Abend wird um 18 Uhr gegessen, ab 19 Uhr darf er noch fernsehen und um 20 Uhr geht er ins Bett. Wenn etwas dazwischen kommt, wird der Elfjährige unruhig. „Man lernt damit umzugehen, aber am Anfang ist man einfach fix und fertig“, erzählt die Mutter.
Weil sie schon seit so vielen Jahren Erfahrungen mit ADHS gesammelt hat, möchte Manuela Rother jetzt anderen Eltern Hilfe anbieten. Sie möchte eine Selbsthilfegruppe gründen, in der sich bei regelmäßigen Treffen die Eltern anderer betroffenen Kinder austauschen können. „Es hilft schon ungemein, zu wissen, dass man nicht allein ist“, weiß Manuela Rother.
Obwohl deutschlandweit fünf Prozent der Kinder zwischen 3 und 17 Jahren ADHS haben, gab es bisher in Wilhelmshaven und Umgebung keine Selbsthilfegruppe dieser Art. Die neue Gruppe richtet auch auch an Eltern, bei deren Kindern noch keine ADHS-Diagnose gestellt wurde.
