OLDENBURG - Die deutschen Schwimmer hatten einst eine revolutionäre Idee. „Raus aus den gewohnten Bahnen“, forderten sie. „Unsere Sportart verkümmert, wenn wir nicht neue Ideen und neue Formen der Präsentation entwickeln“, ging Wortführer Nils Rudolph damals ins Detail. Doch alle Visionen sind längst baden gegangen. Vielleicht wäre etwas aus ihnen geworden, hätten sich die Wasser-Athleten bei den Turnern in Niedersachsen und ihrem „Feuerwerk der Turnkunst“ umgeschaut. Da wird mit alten Elementen so kunstvoll und virtuos jongliert, dass sie wie gerade neu erfunden wirken.
Was der Niedersächsische Turner-Bund (NTB) diesmal ersonnen, ausgetüftelt, eingepasst und einstudiert hat, war bei der 22. Auflage der größten europäischen Turnschau erstmals am Sonntag in Göttingen offenkundig. Über Hannover zieht der Tross der Show „Einzig – nicht – artig“ nun nach Oldenburg, wo die Weser-Ems-Halle traditionell Schauplatz für drei Auftritte ist: am 2. Januar (Freitag, 19 Uhr) und am 3. Januar (14 und 19 Uhr).
Acht Bundesländer stehen diesmal im Reiseplan. Im Nordwesten sind die Tournee-Stationen noch Wilhelmshaven (14. und 15. Januar), Bremen (17. Januar) und Bremerhaven (19. Januar). „Wir haben hier von Anfang an ein sehr fachkundiges Publikum vorgefunden“, sagt Produktionsleiter Wolfram Wehr-Reinhold.
Regisseurin Heidi Aguilar mag keine Vorschusslorbeeren verteilen, zumal nicht an sich selbst. Aber bei allem Lampenfieber bis zur Premiere dringt ihre Begeisterung durch. „So viele Weltklassenummern hatten wir noch nie“, tut sie kund. „Und so innovativ und zwischendurch verrückt ging es bei uns auch selten zu.“
Damit ist sie bei einem Teil des Erfolgs-Rezeptes. Klassisch, ja geradezu altbacken, sind viele der Geräte: Reifen, Ringe, Balken, Barren, auch Trampolin oder Rhönrad. Zudem wird mit Leitern hantiert, mit Ketten, Gummireifen und katapultartigen Schaukeln. Damit entwickeln die Turner, Künstler, Artisten und Akrobaten verblüffende Ideen – auf dem Trampolin Weltmeister Henrik Stehlik, am Sprungtisch das schon bekannte Duo Artem Ghazaryan/Thomas Greifenstein, am Boden die russische Tumbling-Nationalmannschaft, in der Luft das ukrainische Trio Bingo, das in der aktuellen Roncalli-Show gefeiert wird.
Ausgefeilte Feinheit zählt zu den weiteren Erfolgs-Garanten. Das Publikum wird nicht mit Wucht und Tempo überrannt. Auf besinnliche Momente hat Aguilar stets Wert gelegt. Nach der mit Worten umwerfenden Rosemie aus dem Vorjahr führt diesmal der kanadische Pantomime Elan durch die drei Stunden. „Das ist ein Meister der Situationskomik“, verrät die Regisseurin, weist aber darauf hin: „Seine Szenen sind jedoch alles andere als getragen.“
Nun gäbe es ein falsches Bild des Turnens ab, würde seine aktuelle Befindlichkeit nur nach diesem „Feuerwerk“ bewertet. Wie die Schwimmer kennen auch die Turner ihre Hemmnisse inmitten von Traditionen und starren Strukturen. Aber diese Probleme müssen nicht zwischen dem 28. Dezember und 19. Januar gelöst werden. In dieser Zeit wird zwischen Berlin und Wilhelmshaven, Dortmund und Kiel erst einmal die atemberaubendste Form des Turnens gefeiert.
