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Das „Geistige“ an Bord

Montag, 10. November 1941 Einige Döntjes fallen mir da ein, die B. (Lothar-Günther Buchheim) erzählte: In Rußland. Umschwung – man will wieder an Gott glauben und will ein Denkmal errichten. – Einfach und doch packend. – Also Steinblock, ungehauen mit Aufschrift. Man wählt: „Wir – Ihm“. Bei der Enthüllung Stimme aus dem Himmel: „Ihr- Mich“.-

„Er hielt sie umschlungen zag.
Und fragte mit leisem Zungenschlag
Sag´ mir mit welchem Schlangenzug´
Man auch in deine Zangen schlug.“

„Ein Auto fuhr durch Gossensaß
Und kam dann in die Soßengass´
Hoch spritzte hier die Gassensoß´,
die sich auf die Insassen goß.“

„Oft hängt an einem Seidenfädchen
Die Tugend grad´ der feinen Mädchen!“

Friedrich Grade war Leitender Ingenieur an Bord von U 96. Durch Lothar-Günther Buchheims Buch und den Film „Das Boot“ wurde die 7. Feindfahrt des U-Boots im Zweiten Weltkrieg weltbekannt. Heimlich schrieb der Oberleutnant zur See und Herzens“-Oldenburger Tagebuch. Exklusiv veröffentlicht diese Zeitung nach 75 Jahren das Tagebuch des Einsatzes vom 27.Oktober bis zum 6. Dezember 1941. Der heute 100-jährige Friedrich Grade ist der letzte Augenzeuge von U 96.

Der Herbst ist da! Seit mehr als 1 Woche haben wir nun schlechtes Wetter. Keine Aussicht auf Besserung. Jeden Tag neue Vorpostensteifen einnehmen und darauf operieren. Bisher immer noch ohne jeglichen Erfolg. „69“ (U 69), Zahn, meldet heute nacht Zerstörer, Nordkurs, 10sm Fahrt.

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Heute fliegen 4 Condore (Kdt las vor: „4 Condome“) zur Überwachung. Hoffentlich finden die nun was. Erst heute nacht wurde es endlich kühl im Boot. Es wird viel an Bord gelesen. Außerdem – in den Lesepausen – üben wir eifrig schlafen, soweit es bei diesem Seegang und der heftigen Wackelei möglich ist. – „Die Linde meines Urahnen“ von Lajos Zilahy, einem Ungarn, lese ich heute durch. Mit dem „Pedros y Pablos“ von Oberleutnant Max Graf von Hayos werde ich auch heute noch fertig.

Amüsiere mich über Groth. Beim Essen vor allem tritt seine „Piniblität“ sehr deutlich zutage. Von den prächtigen Schnitzeln bleibt bei ihm auf seinem Teller mindestens die Hälfte liegen. Wie eine Katze prünt er das Fleisch erst in kleinste Teile auseinander und nimmt dann hier und da mal ein Stückchen davon. – Ölsardinen werden bei ihm noch extra ausgeweidet und von den „Knochen“ befreit. Oha ! Es ist zum Händeringen, manchmal nur, aber doch!

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

Gerhard Groth, über den Friedrich Grade vor 75 Jahren in seinem Tagebuch-Eintrag vom 10. November 1941 schreibt, war damals Oberleutnant zur See und 1. Wachoffizier („I WO“) an Bord von U 96.

Seit August 1941, zur 6. Feindfahrt des Bootes, ist der in Mexiko City geborene Groth einer der vier Offiziere an Bord von U 96. Seine Penibilität beschreibt Lothar-Günther Buchheim – als Kriegsberichter an Bord von U 96 – später in seinem Bestseller „Das Boot“ sehr ähnlich wie Grade im privaten Tagebuch: „Der I WO handhabt Messer und Gabel wie ein Sezierbesteck. Noch an jeder Ölsardine nimmt er eine regelrechte Obduktion vor. Mit äußerster Sorgfalt präpariert er zuerst die Hauptgräte heraus – dann macht er sich verbissen ans Ablösen der Haut. Kein noch so kleines Fetzchen läßt er sich entgehen.“

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Der Schauspieler Hubertus Bengsch spielt im Film „Das Boot“ die Rolle des I WO als linientreuer Nazi. Seine Steifheit, Korrektheit, Penibilität und Sauberkeit werden zum Gegenprofil zu Kommandant und Mannschaft. Darüber hinaus ist der „I WO“ in Buch und Film für das Politische zuständig: „Das Geistige“, wie Buchheim es formuliert.

In den Tagebüchern des Leitenden Ingenieurs Friedrich Grade gibt es über sieben Feindfahrten hinweg dagegen nicht einen Hinweis auf politische Schulungen an Bord von U 96. Im exklusiven Interview sagt er 75 Jahre später: „Politische Offiziere gab es nicht. Zum Ende des Krieges wurden wir Offiziere gezwungen, für vier Wochen auf eine Nazischule zu gehen, ohne dass sie uns berührt hätte.“

Faktische Grundlage für „das Geistige“ an Bord war das „Wehrgesetz“ mit dem Paragraphen 26 „Politik in der Wehrmacht“. Dort heißt es in Absatz 1: „Die Soldaten dürfen sich politisch nicht betätigen.“ Nach dem von Wehrmachts-Offizieren um Claus Schenk Graf von Stauffenberg verübten Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944, wurde dieser Paragraph geändert: „Es ist eine der wesentlichsten Aufgaben aller Offiziere, Unteroffiziere und Wehrmachtbeamten, ihre Untergebenen nationalsozialistisch zu erziehen und zu führen.“

Gerhard Groth wurde übrigens später U-Boot-Kommandant, kehrte nach dem Krieg nach Mexiko City zurück und verstarb hier 1997.

Auch der „II WO“ der 7. Feindfahrt von U 96, der aus Wien stammende Hardo Rodler von Roithberg (im Film gespielt von Martin Semmelrogge), wurde U-Boot-Kommandant. Durch einen Volltreffer wurden er, die Mannschaft und das Boot Mitte Februar 1945 getötet.

Auch der vorläufige Nachfolger Friedrich Grades auf U 96, der Oberleutnant zur See (Ingenieur) Hans-Peter Dengel, starb im Juli 1944 bei der Versenkung des U-Boots U  543.