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Die erste Begegnung mit Buchheim

Montag, 27. Oktober 1941 Eine lange Werftliegezeit ist jetzt endlich vorbei. Endlich, denn seit dem 12. September liegen wir hier. „Leider“ sagen die Urlauber, die jetzt in Deutschland waren. Ich selbst war auch in Eckernförde und ich musste es ja auf jeden Fall tun! Denn beim Einlaufen hatte ich die Freudennachricht, daß alle Anzeichen dafür sprechen, daß ich Vater werde! Herrgott, wie war und bin ich dem Schicksal dankbar!

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Aber wie sehr muß meine Irmel leiden! 3 Wochen ging es ihr so schlecht, daß sie nach Kiel zum Frauenarzt, Dr. Philipp, mußte und in die Klinik, später nach Grömitz! Es ist aber so erfreulich, daß es während meines Urlaubs vom 26.9. bis zum 12.10. wieder aufwärts, d.h. besser erging als in den ganzen Wochen zuvor. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll: „Ich und Vater.“ Nahezu unglaublich! Und doch so wahr.

Ja, seit dem 15.10. morgens ganz früh, bin ich nun wieder hier an Bord. Die Besatzung war bei meinem Eintreffen wieder da. Der + (Kommandant) kam 4 Tage später, am 19. d. Mts.

Friedrich Grade war Leitender Ingenieur an Bord von U 96. Durch Lothar-Günther Buchheims Buch und den Film „Das Boot“ wurde die 7. Feindfahrt des U-Boots im Zweiten Weltkrieg weltbekannt. Heimlich schrieb der Oberleutnant zur See und Herzens“-Oldenburger Tagebuch. Exklusiv veröffentlicht diese Zeitung nach 75 Jahren das Tagebuch des Einsatzes vom 27.Oktober bis zum 6. Dezember 1941. Der heute 100-jährige Friedrich Grade ist der letzte Augenzeuge von U 96.

Bei der PK (Propagandakompanie), wo ich Bilder von meinem letzt verknipsten Film entwickeln und vergrößern ließ, traf ich den Ste.MA Sprang, einen ehem. Arbeitskameraden von Hanni, haben zusammen an sie eine Karte geschrieben.

 Am 17.10. traf mein Nachfolger als LI in La Baule ein. Es handelt sich um den 37- er Obltn. (Ing.) Dengel, Crewkameraden von Harder und Groth: War zuletzt 5 ½ Monate LI U 78, einem Holzboot in Gotenhafen. Sooft fand ziemlicher Besatzungswechsel statt: Beyer ausgestiegen, dafür BtsMt Borchart, Trantow und Staats zum U-Lehrgg., dafür Rupp (spielt gut Quetsche) und Rost. Dorner und Thamm als U-Anwärter weg, dafür Schneider und Schulz II. Simon wegen seiner Ausschlaggeschichte auch ausgestiegen. Ohne Ersatzgestellung leider!

Zusätzlich an Bord außer Dengel ist ein Bild und Wortberichter Leutnant M.A. (Kriegsberichter Marine) Buchheim, der überall und immer da ist, wo was los ist und wo er „Eindrücke sammeln“ kann. Das ist eigentlich ja auch überall. Ist ein netter Kerl, mit dem man sich gut vertragen kann.

 Am Sonnabend sind Endrass, der das Boot von Fahr (LI Grothe) übernommen hat (U 567) und Topp (552) schon vorausgelaufen. Zeremoniell fällt neuerdings in der Schleuse aus – aus Geheimhaltungsgründen! Dagegen unser Auslaufen ist toll: Eine Menge OT-Leute („Organisation Todt“), mehr, als man früher die Flottille an der Schleuse begrüßte! Das hat folgenden Grund. Am Sonnabend, 25., hatten wir gemeinsam Kameradschaftsabend mit der O.T. im Family Hotel in Pornichet. Es wurde getanzt, gesungen usw. Im Laufe des Abends übernahm die OT die Patenschaft über unser Boot. Damit haben wir in Pornichet bei der OT eine 2.Heimat für das Boot.

 Laufen nach Westen auf unseren Ansteuerungspunkt zu.

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

Grade beschreibt in seinem Tagebuch den Alltag an Bord von U 96. Es gibt Parallelen, aber auch viele eklatante Unterschiede zu den Schilderungen in Buchheims Bestseller „Das Boot“.

Der exklusive Abdruck des privaten Tagebuchs Friedrich Grades der 7. Feindfahrt von U 96 vom 27. Oktober bis 6. Dezember 1941 ist die hundertprozentige Transkription des Originals.

Für die zeitgenössische Authentizität von Mensch, Boot und Stimmung wird auf Korrekturen jeder Art verzichtet. Lediglich da, wo Bezeichnungen oder Abkürzungen unverständlich sein können, werden sie in hinzu gefügten Klammern erklärt.

Mit der Ausreise von U 96 am Montag, 27. Oktober 1941, kann der Leser so das Geschehen aus Sicht des Augenzeugen Friedrich Grade, der als Leitender Ingenieur (LI) an Bord war, mit denen des Bestsellers „Das Boot“ (1973) und des gleichnamigen Films (1981) direkt vergleichen.

Schon jetzt, im ersten Eintrag Grades zu dieser Reise, zeichnet sich die spätere literarische Arbeitsweise des Bestseller-Autors Lothar-Günther Buchheim in groben Zügen ab. Einzelbeobachtungen wird er in veränderter Intensität in andere Zusammenhänge stellen, so dass in seinem Buch seine eigene, fiktionale Geschichte entsteht. Ein Beispiel: So wird aus den drei Oktober-Wochen, in denen es der schwangeren Frau Friedrich Grades „so schlecht“ ging, bei Buchheim das Gibraltar-Drama von der Geburt, bei der sie „fast draufgegangen“ wäre. Und der von Grade beschriebene Mannschafts-„Kameradschaftsabend“ im „Family Hotel Pornichet“ gerät in „Das Boot“ zur wüsten Offiziers-Orgie in der „Bar Royal“. Im Roman endet diese um „zwei Uhr. Mist: Sechs Uhr dreißig kommt der Wagen zur Fahrt in den Hafen.“

In der zeitgenössischen Realität lag zwischen „Kameradschaftsabend“ und Abfahrt der Sonntag als Ruhetag.