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Simple Unglücksfälle

Samstag, 22. November 1941 Wollen nun schon morgen, am Sonntag, zurückfahren, ein Teil unserer Gruppe hat Einlaufbefehl erhalten! 20.00 Uhr Nachrichten melden den Tod von Oberstleutnant Mölders, er ist mit einer Kuriermaschine, die er selbst flog, nahe Breslau abgeschmiert. Nun sind Vera, der erst als Gefangener in England, dann in Canada war und von dort aus fahrendem Zug entfloh – vor wenigen Tagen Udet und nun Mölders weg. Und das nicht am Feind, sondern durch simple Unglücksfälle.

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Friedrich Grade war Leitender Ingenieur an Bord von U 96. Durch Lothar-Günther Buchheims Buch und den Film „Das Boot“ wurde die 7. Feindfahrt des U-Boots im Zweiten Weltkrieg weltbekannt. Heimlich schrieb der Oberleutnant zur See und Herzens“-Oldenburger Tagebuch. Exklusiv veröffentlicht diese Zeitung nach 75 Jahren das Tagebuch des Einsatzes vom 27.Oktober bis zum 6. Dezember 1941. Der heute 100-jährige Friedrich Grade ist der letzte Augenzeuge von U 96.

21 Uhr FT (Funktelegramm) M-Offizier (höchste Geheimhaltungsstufe): Von BdU an uns Bernardo, Schnee und Gysae (die U-Boot-Kommandanten Adalbert Schnee und Robert Gysae) ähnliches. Mit beide LF (beide Maschinen langsame Fahrt) geht es 120°. Spannung herrscht im Boot, trotz des späten Abends. Sollen lt. FT anscheinend Gibraltar „ansehen“.

Damit sind alle Chancen, zu Weihnachten zuhause zu sein und zu feiern, endgültig vorbei! Mein Teures! Hoffentlich machst Du Dir keine Gedanken, wenn ich nun nicht komme! Aber ich habe ja den Trost, daß Kpt. Tedsen die Familie Hass in Eck. informieren wird und diese die Nachricht von unserem Späterkommen an Irm weitergeben.

An mein Aussteigen ist unter diesen Umständen ja nicht zu denken! Ja, meine große Hoffnung ist Kpt. Tedsen! Wenn Fam. Hass in den ersten Dezemberwochen bei ihm anfragt, dann wird ja wohl auch etwas darüber gesagt werden! Ich drücke den Daumen! PK-Buchheim kann ja nun auch nicht aussteigen. Was mag nur da unten lossein, daß soviele Befehle uns unverständlicherweise gegeben werden.

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

Noch ein paar Tage nur – so wird sich Friedrich Grade bis zum Funktelegramm dieses Tages – gedacht haben, dann wird U 96 wieder Kurs auf den Flottillenstützpunkt St. Nazaire nehmen, der Weihnachtsurlaub schien gesichert. Der Leitende Ingenieur wusste an diesem Tag noch nicht, was „da unten“, in Nordafrika, vor sich ging, „daß soviele Befehle uns unverständlicherweise gegeben werden“, wie er am 22. November 1941 an Bord des U-Boots in sein privates Tagebuch schrieb.

Nur wenige Tage zuvor, am 18. November, war es den Alliierten in der nordafrikanischen Stadt Tobruk am Mittelmeer gelungen, die deutsche Belagerung aufzubrechen. Deutsche U-Boote wurden nun hastig zur Sicherung des deutschen und zur Störung des englischen Nachschubes ins Mittelmeer verlegt.

Im Buch „Das Boot“ sorgt der Befehl, durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer zu fahren, für Entsetzen. Der Ich-Autor des Bestsellers, Lothar-Günther Buchheim, der im Herbst 1941 als Kriegsberichter auf U 96 war, schreibt in seinem Roman: „Schöne Bescherung! Ich habe ein hohles Gefühl in der Magengrube. Der Schreck sitzt tief in mir, ich zwinkere und schnappe wie ein Fisch nach Luft.“

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Friedrich Grade berichtet in seinem privaten Tagebuch von „Spannung“, die sich unter der Mannschaft verbreitet. Im offiziellen Kriegstagebuch des Kommandanten schreibt der „Alte“, Heinrich Lehmann-Willenbrock, unmittelbar nach Eingang des Funktelegramms jedoch: „Neues Operationsgebiet wird mit Begeisterung aufgenommen.“

So gegenteilig die Buchheimsche Fiktion und die Realität hier wiederum sind, so gegenteilig sind auch die Schilderungen der geplanten Ausschiffung des Kriegsberichters Buchheim und des „Leitenden“ bei einem Zwischenstopp im spanischen Vigo, wo ein Versorger auf U 96 wartet. Beide sind zu diesem Zeitpunkt praktisch ohne Bordverwendung: Buchheim ohne Fotoausrüstung, Grade durch seinen Nachfolger Dengel ersetzt.

Im Buch „Das Boot“ stellt Buchheim Jahrzehnte später eine melodramatische Geburt als Grund für die geplante Ausschiffung in Vigo in den Mittelpunkt. Die folgenden Einträge des exklusiv in dieser Zeitung veröffentlichten privaten Tagebuches von Friedrich Grade werden die wahre Geschichte erzählen.