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Die Ruhe vor dem Sturm

Samstag, 29. November 1941 Die Sonne kommt schön raus und heizt angenehm. Die Pullover und Fellwesten verschwinden. Um 06 00 Uhr passieren wir Lissabon. Sehen die von der Stadt erhellten Wolken und auch einzelne Lichter oben am Horizont. Heute abend St. Vincent.

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Gegen 13 20 der erste Fliegeralarm seit Auslaufen St. Naz. (Saint-Naizaire) – BdU (Befehlshaber der U-Boote) hat noch keine Befehle für uns seit Versorgung gegeben. – Das Wasser ist klar. – In 7 Unternehmungen haben wir insges. 33 180 sm (Seemeilen) =~ 62 000 km gefahren.

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

U96 läuft Südkurs die portugiesische Küste entlang. Das Land hat sich als „neutral“ erklärt und unterstützt im Herbst 1941 keines der kriegführenden Länder. Dieser Moment vermeintlicher Ruhe am 29. November 1941 korreliert mit vielen solcher ruhig wirkender Momente, die Friedrich Grade auf seinen sieben Feindfahrten mit U 96 notiert und die in krassem Gegensatz zu den Kriegssituationen auf See stehen.

Friedrich Grade war Leitender Ingenieur an Bord von U 96. Durch Lothar-Günther Buchheims Buch und den Film „Das Boot“ wurde die 7. Feindfahrt des U-Boots im Zweiten Weltkrieg weltbekannt. Heimlich schrieb der Oberleutnant zur See und Herzens“-Oldenburger Tagebuch. Exklusiv veröffentlicht diese Zeitung nach 75 Jahren das Tagebuch des Einsatzes vom 27.Oktober bis zum 6. Dezember 1941. Der heute 100-jährige Friedrich Grade ist der letzte Augenzeuge von U 96.

1941 schreibt er: „Alles fühlt sich sauwohl.“ Am 21. August 1941 wird gar ein Wal entdeckt: „Welch beschauliches Dasein führen wir zurzeit. Vom Krieg ist nichts zu merken, sehen dafür allerdings auch nicht das mindeste – außer – am Abend – einen strammen Wal, der bei unserer Annäherung mit 90 Grad Lastigkeit auf Tiefe geht.“

Den Höhepunkt solch trügerischer Ruhe inmitten der Atlantikschlacht berichtet Friedrich Grade am 30. August 1941: „Kurz vor Dunkelwerden fangen wir einen ganz schwach fliegenden Landvogel, einen Singvogel, der sich wohl von Irland nach hierher verirrt hat. Ist ja auch nicht allzu weit entfernt. Der Kdt (Kommandant) macht persönlich Brotkrumen, Corned Beef und anderes auf einem Teller zurecht und stellt ihn vorn auf die Kanone. Der Vogel läßt sich später einfangen. Ihm wird ein Käfig hergestellt, der im Kdt-Raum aufgehängt wird. Mit dem Auslöschen der Raumbeleuchtung steckt der Piepmatz seinen Kopf unter die Flügel und schläft.“

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Ende August war U 96 im Nordatlantik. Einen Tag später stieß aus Wolken und Regen nur 300 Meter vom Boot entfernt ein Bomber hervor, bis auf 50 Meter kam er heran. Es hätte das Ende von U96 und seinem „Piepmatz“ im Kommandanten-Schapp sein können. Wie die „schöne“ Sonne an diesem 29. November 1941 nur die Beinahe-Katastrophe verdeckt, die einen Tag später bei Gibraltar eintreten wird.